Im Angesicht des Terrors

Der Terror und der Ruf nach Sicherheit

Vor wenigen Tagen musste das Musikfestival „Rock am Ring“ aufgrund einer aktuten Terrorwarnung unterbrochen werden. Zugleich ermordeten Islamisten in London acht Menschen und verletzten 48 weitere; es handelt sich um den dritten innherhalb kürzester Zeit verübten Terroranschlag auf Großbritannien. Die Rufe nach mehr Sicherheit werden immer lauter.

Das Narrativ der Sicherheit

Auf Großveranstaltungen und im politischen Diskurs beginnt der Topos der Sicherheit immer stärker an Relevanz zu gewinnen. Dies äußert sich in Form von Gesetzentwürfen, bei der Themenauswahl von Talkshows und Zeitungsartikeln, aber auch in der Art und Weise der Organisation von Großveranstaltungen. So gab es für eines der weltweit bekanntesten Rockfestivals in Deutschland – Rock am Ring – eigene Sicherheitsbeauftragte, die aktiv für die Kommunikation zwischen Sicherheitskräften und Besucher zuständig waren. Immer wenn es zu Anschlägen kommt, rückt das Thema „Sicherheit“ in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Warum „Sicherheit“ allein nicht hilft

Die politische Folge der Terroranschläge ist zumeist die Verstärkung von Sicherheitskräften sowie die Intensivierung der ohnehin schon massiv ausgebauten allgemeinen Überwachungspraxis. All diese Verschärfungen könnten zumindest eine gewisse präventive Wirkung entfalten, würden die Anschläge auf das Konto einer zentralistisch organisierten Terrororganisation gehen. Doch die Taktik von Daesh, die darin besteht, mit der Organisation selbst kaum vernetzte Einzelpersonen zu spontanen Angriffen mit primitivsten und allseits zugänglichen Mitteln aufzurufen, lässt sich durch Überwachung nicht durchkreuzen. Was die Terroristen eint, ist eine menschenverachtende, faschistische Ideologie, nicht aber eine zusammenhängende und damit für die Überwachung anfällige Organisationsstruktur. Das einzige Resultat der zunehmenden Befugnisse der Sicherheitsbehörden ist ein Machtzuwachs auf Seiten des Staates, der diese Macht sicher nicht allein gegen islamistische Fundamentalisten einsetzen wird, sondern alle oppositionellen Kräfte ins Visier nehmen wird.

Was will Daesh?

Das erklärte Ziel der jihadistischen Terrorgruppen ist die Spaltung der Gesellschaft. Daesh will nicht nur die als dekadent und verdorben wahrgenommene „westliche“ Lebensart direkt angreifen, sondern auch rassistische Stereotype schüren, und damit die Ausgrenzung muslimischer MitbürgerInnen befördern. Auf diese Weise soll ein Riss zwischen Mehrheit und muslimischer Bevölkerung hergestellt werden, der die Narrativa des Islamismus stützt und günstige Bedingungen für die Rekrutierung neuer Anhänger schafft. Je größer die Paranoia der Mehrheitsbevölkerung, desto mehr haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Was zu tun ist

Die aktuelle gesellschaftliche Reaktion ist Wasser auf den Mühlen von Daesh, das Gefühl der Verunsicherung wird bestärkt. Doch wir müssen uns vor Augen führen: Kein Sicherheitssystem ist vollständig sicher. Die Anschläge können natürlich als Anlass zur Überprüfung der Sicherheitsapparate verstanden werden; solange es nicht zum Ausbau der Überwachung kommt, ist diese Reaktion von Seiten der staatlichen Institutionen zu begrüßen. Dies darf aber keinesfalls die Reaktion der Zivilgesellschaft sein. Anstatt ständig über eine von vorne herein unerreichbare Sicherheit zu reden, sollte eine ständige Betonung eines emanzipatorischen und liberalen Lebensstils gefördert werden. In Talkshows sollte über LGBT-Rechte, sexuelle Selbstbestimmung, demokratische Institutionen oder, um „wertkonservative“ bei Daesh und AfD gleichermaßen zu nerven, über die Freigabe bisher illegaler Drogen diskutiert werden. Natürlich gibt es das Problem der Unsicherheit und Verunsicherung durch die Anschläge. Doch wer diesen Ängsten nachgibt, garantiert den Sieg der Terroristen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s