Der Ethos der Moderne

Der Ethos der Moderne, das Denken der Wissenschaften und ihre Dialektik

von Patrick Körner

Die Skepsis gegenüber der Moderne und den »etablierten« Wissenschaften scheint seit einigen Jahren zuzunehmen, was sich an dem partiellen Wiedererstarken von Religion und Esoterik, sowie in rechten und postmodernen Strömungen bemerkbar macht. Diese Skepsis basiert mitunter auf einer falschen Annahme darüber, was Moderne und Wissenschaften ausmache, und kann durch die Theorien der »Autoritätseffekte« (Boudon), der »projektiv aneignenden Interpretation« (Tepe) und der »politischen Entmutigung« (Sokal) im Angesicht uneingelöster Versprechen erklärt werden.

Inhalt

1. Angriffe auf die wissenschaftliche Vernunft
2. Das Denken der Wissenschaften
3. Boudons Autoritätseffekte
4. Projektiv aneignende Interpretationen
5. Politische Entmutigung
6. Was tun?

1. Angriffe auf die wissenschaftliche Vernunft

Wir alle kennen prototypische Angriffe auf die wissenschaftliche Vernunft. Es scheint, dass diese Angriffe seit den siebziger Jahren populärer, häufiger und radikaler geworden sind. In diesem Beitrag möchte ich eine Erklärungsskizze für dieses Phänomen liefern. Ich beginne damit, einige Beispiele für derartige Angriffe auf die wissenschaftliche Vernunft zu nennen. Es folgt meine Erklärung dessen, was es mit dem Denken der Wissenschaften auf sich hat – dadurch wird auch erst das Gemeinsame der Beispiele des ersten Kapitels verständlich. In diesem Schritt werde ich dann auch meine These und mein weiteres Vorgehen explizieren.

Ein erstes Beispiel für prototypische Angriffe auf die Vernunft stellt der grassierende Relativismus und Kultur-Relativismus dar: Meinungen fungieren mitunter als letzte Diskussionsinstanz, anstatt Positionen und Argumente. In einigen Gruppen reicht die Äußerung einer Empfindung – der Betroffenheit – bereits aus, um sachliche Argumente zurückzuweisen. Arbiträre Überzeugungen und Praxen werden unter dem Kultur-Begriff essentialisiert und als gleichwertig erachtet.

Ein zweites Beispiel wäre die »Mode«, komplexe naturwissenschaftliche Theorien zur Stützung relativistisch-subjektivistischer Positionen zu verwenden – so wird aus Gödels Unvollständigkeitstheorem ein Beweis des Skeptizismus oder aus der Quantenmechanik wird die absolute Beobachterrelativität der Welt abgeleitet. Generell zeigt sich die Popularität komplizierter und komplexer wissenschaftlicher, meist mathematischer und naturwissenschaftlicher Theorien in höchst eigenwilliger Interpretation, die nahe legt, dass eigentlich kein rechtes Verständnis dieser Theorien vorliegt. Dies gilt vor allem bezogen auf Gödels Unvollständigkeitstheorem, die Quantenmechanik, Heisenbergs Unschärferelation, die Theorie der Fraktale und der Quantentheorie. Damit verwandt ist eine zu beobachtende Häufung pseudowissenschaftlicher Theorien, die aber teilweise »wissenschaftlich« klingen.

Das dritte Beispiel ist die seltsame Popularität des Begriffs des »Alternativen« – von »alternativer Medizin« bis zu »alternative facts«.

Viertens wäre die Zunahme para-religiöser und esoterischer Praxen und Überzeugungen zu nennen. Diese zeigt sich vor allem im Bereich der alternativen Medizin, der romantisierenden Adaption fernöstlicher Weisheitslehren, bis hin zur Hinwendung zu Wicca oder unverbindlichen, mystisch orientierten Konzepten. Damit verbunden ist häufig auch eine Neubelebung der naiven Naturromantik und der Romantisierung indigener Völker.

Schließlich lässt sich auf gesellschaftlicher Ebene der weitgehende Verzicht auf Fragen, wie der Status Quo mit den Mitteln der Wissenschaften und Technik verbessert werden kann, beobachten. Stattdessen herrschen konservative Rückzugsgefechte – der Erhalt des Status Quo gilt als alleiniges Ziel – und die Angst vor der Zukunft1. Damit verwandt ist schließlich die populäre Kritik an der Moderne und den Wissenschaften aufgrund als negativ erlebter Konsequenzen der Technik; man denke etwa an die verheerenden Konsequenzen des Einsatzes moderner Technik für die Umwelt und die Kriegsführung.
Allgemein können wir einen Vertrauensverlust in die wissenschaftliche Vernunft und die damit zusammenhängende Agenda der Moderne konstatieren.

2. Das Denken der Wissenschaften

Inwiefern richten sich diese Beispiele nun gegen die Idee der wissenschaftlichen Vernunft? Die Idee der Wortführer der Moderne – nämlich der Aufklärungsphilosophen – war es, dass bei der Beantwortung der Frage, weshalb man eine Aussage für wahr oder zumindest konkurrierenden Aussagen gegenüber für überlegen halten sollte, keine Rolle spielen darf, wer diese Aussage getroffen hat. Stattdessen würde einzig das Argument zählen. Eine Aussage – oder eine aus Aussagen zusammengesetzte Theorie – sollte dann akzeptiert werden, wenn sie durch gute Argumente gestützt wird und sie sich kritischen Gegenargumenten gegenüber erfolgreich behaupten kann. Dieses Verfahren des Rechtfertigens einer Theorie und ihrer Kritik, sowie ihrer möglichen anschließenden Verbesserung, wurde im Rahmen der Wissenschaften institutionalisiert: Jemand stellt eine Theorie auf, gibt Gründe dafür an, sie für wahr oder konkurrierenden Theorien gegenüber für überlegen zu halten und übergibt diesen Zusammenhang an die scientific community, die versucht, die Rechtfertigungen nachzuvollziehen – etwa durch die Wiederholung von Experimenten –, und Gegenargumente zu finden, die stark genug sind, die Theorie oder die für sie sprechenden Gründe zu erschüttern. Es beginnt ein Disput, der in Zeitschriften, Monographien, Kongressen und Vorträgen ausgetragen wird. Schließlich kristallisiert sich irgendwann ein vorläufiges Ergebnis des Disputs heraus. Ein solches institutionalisiertes Verfahren, das allein die Stärke von Argumenten in Betracht zieht, um vorläufig konkurrierende Theorien darüber, wie die Welt ist, zu hierarchisieren, ist – so die Idee der Aufklärungsphilosophie – zugleich die Institutionalisierung des Vernunftgebrauchs überhaupt. »Vernünftig sein«, heißt, – um den geflügelten Ausdruck Habermas’ zu verwenden – allein auf den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« zu setzen. Und es kulminiert in den methodisch angeleiteten Disputen der Wissenschaften.

Auch wenn diese Charakterisierung von »vernünftig sein« den meisten Akteuren vertraut ist, haben sie dennoch häufig Probleme damit, die Wissenschaften richtig zu verstehen: Und zwar nicht nur auf der Ebene der wissenschaftlichen Theorien, sondern auch ihres methodischen Vorgehens. Aus diesem Unverständnis resultieren alle weiteren Probleme, mit denen wir uns im Folgenden beschäftigen werden.

Worin besteht dieses Unverständnis? Einerseits darin, dass den meisten Akteuren zwar die Charakterisierung von »vernünftig sein« geläufig ist, sie diesem Ideal aber faktisch nur selten folgen; und andererseits, weil sie ihm in den wenigsten Fällen alleinig folgen. Die Strenge, mit der die Wissenschaften auf den vernünftigen Disput pochen und aufbauen, hat kaum ein lebensweltliches Analogon (außer vielleicht vor Gericht). Es ist den meisten Akteuren in den häufigsten Fällen ihrer lebensweltlichen Auseinandersetzungen intuitiv näher, auf andere Weise zu der Rechtfertigung ihrer Überzeugungen und Handlungen zu gelangen. Es ist gerade diese Intuition oder intuitive Plausibilität, die zum institutionalisierten Vernunftgebrauch in den Wissenschaften im Widerspruch steht. So hat etwa die Entwicklungspsychologie Folgendes gezeigt: Wir halten es für intuitiv plausibel, dass Umstände in der Welt von absichtsvollen Entitäten bewirkt wurden, statt von abstrakten Kräften, weil die ersten Kontexte von Kausalerklärungen, mit denen wir als Säuglinge und Kleinkinder konfrontiert werden, sozialer Art sind; es sind etwa unsere Eltern oder andere Erwachsene, die dafür ursächlich sind, dass sich bedürfnismäßig fundamentale Begebenheiten in unserer direkten Lebenswelt ändern – etwa, ob wir Nahrung und Zuneigung erhalten. Da die ersten Kontexte unserer Kausalerklärungen sozialer Art sind, neigen wir irrationalerweise auch im späteren Leben dazu, viele Umstände darauf zurückzuführen, dass absichtsvolle Entitäten sie bewirkt hätten. (Piaget 1930; Subbotsky 2004/2011/2014; Topitsch 1972, 30) Auf diese Weise lässt sich erklären, weshalb Verschwörungstheorien vielen Akteuren so plausibel erscheinen.

Es zeigt sich bei diesen Theorien beispielhaft, dass intuitive Plausibilität im Gegensatz zu wissenschaftlichem Denken stehen kann – und dies im Normalfall auch tut. Das »Spiel der Argumente«, also die alleinige Konzentration auf den Vernunftgebrauch, steht zu intuitiver Plausibilität in Konkurrenz. So notiert etwa Alan Sokal: „Tatsächlich führt die wissenschaftliche Strenge, die wir einfordern, oft zu Ergebnissen, die dem gesunden Menschenverstand entgegenstehen […].“ (Sokal 1999, 33) Das Problem der Konkurrenz von intuitiver Plausibilität oder »gesundem Menschenverstand« einerseits und wissenschaftlicher Vernunft andererseits verschärft sich noch, wenn man einsieht, dass Akteure, die nicht in bestimmte wissenschaftliche Diskurskontexte eingebunden sind, systematisch unfähig sind, die Geltung der in diesen Kontexten diskutierten Theorien zu überprüfen. Denn die Lebenswirklichkeit der Akteure lässt eine solche Prüfung nicht zu. Sie können keine komplizierten naturwissenschaftlichen Experimente durchführen. Und sie können auch etwa nicht ihre persönliche Erfahrungsbasis nutzen, um die Daten, die Sozialwissenschaftlern zur Verfügung stehen mögen, zu beurteilen und zu kritisieren. Die Aversion gegen Statistiken, die einigen Akteuren etwa aus weltanschaulichen Gründen nicht behagen, folgt dann – trotz aller berechtigten Kritik an entsprechenden Analyse- und Auswertungsverfahren der empirischen Sozialwissenschaften – eben auch daraus, dass die Akteure die Statistik durch ihre nicht-repräsentative Lebenswelt nicht adäquat eingefangen sehen. Ihr Lebensumfeld kann ja ganz andersartig organisiert sein2.

Die Wissenschaften haben also kontraintuitive Verfahren entwickelt, Wissen zu gewinnen und zu qualifizieren, das aus der Perspektive des Einzelakteurs nicht gewonnen werden kann. Es kann höchst gefährlich werden, hier einen methodischen Reduktionismus auf die Perspektive von Einzelakteuren und deren Möglichkeiten der empirischen Prüfung zu verlangen, denn dadurch würde gerade die wichtigste Funktion der Wissenschaften unterminiert: Nämlich die methodische Transzendierung des Alltagsbewusstseins auf Erkenntnisziele hin, die eben notwendig kontraintuitiv sind. Zugleich wird hier klar, dass dadurch ein systematisches und fundamentales Problem zu Tage tritt: Einzelakteure als Laien können etwa die Glaubwürdigkeit an die Wissenschaften nur mit ihren eigenen Möglichkeiten rechtfertigen; diese korrespondieren jedoch nicht dem Vorgehen in den Wissenschaften. Die Wissenschaften können den Laien auch nicht allzu weit zu Zwecken der individuellen Glaubwürdigkeitsrechtfertigung entgegenkommen, ohne ihre eigenen Methoden und Erfolge zu desavouieren. Diese systematische und notwendige Schiefstellung zwischen methodischer Wahrheitssuche und Prüfungsmöglichkeit oder Plausibilität für den Laien mag einer der Gründe dafür sein, dass das wissenschaftliche Denken sich nie in breiten Gesellschaftsschichten durchsetzen konnte – und es könnte einer der Gründe für die Feindlichkeit gegenüber den Wissenschaften und wissenschaftlicher Denke, vor allem die der Geistes- und Sozialwissenschaften, sein.

Von der Notwendigkeit ausgehend, dass Einzelakteure nicht fähig sind, die für sie tendenziell kontraintuitiven Methoden und Theorien der Wissenschaften nachzuvollziehen und angemessen zu beurteilen, ergibt sich letztlich eines von zwei Szenarien, von denen das erste aber mitunter auch nur die Vorstufe des zweiten darstellt: Das erste Szenario ist die Hinwendung zu pseudowissenschaftlichen Theorien, die aber »wissenschaftlich« klingen (eben nach dem Maße »wissenschaftlich«, wie die Akteure intuitiv denken); wie etwa die Theorie des Wasser-Gedächtnisses. Das zweite Szenario ist eine klare Ablehnung der Wissenschaften oder einiger bestimmter Wissenschaften. In beiden Szenarien liegt ein Angriff auf die Idee des Vernunftgebrauchs vor – im ersten Szenario wird es umbesetzt, obwohl seine Ummantelung beibehalten wird; im zweiten Szenario wird offensiv auf andere Konzepte gesetzt, etwa eben den »gesunden Menschenverstand«, der eben nicht besonders »gesund« ist. Die Gefahr beider Szenarien kann nicht genug betont werden, denn auch wenn die Resultate dieses Denkens auf den ersten Blick nur kurios erscheinen, wie abstruse Verschwörungstheorien oder esoterisches Schamanentum, geht mit dem ernstgemeinten Anspruch auf Vernünftigkeit einiges verloren: Nicht nur die anscheinend beste Möglichkeit, die Welt angemessen zu erkennen, zu erklären und partiell nutzbar zu machen (etwa durch Medizin, elektrisches Licht, Internet oder sauberes Wasser), sondern auch die einzige Möglichkeit, Konflikte anders als durch Gewalt auszutragen – nämlich durch das Austragen per Argument.

Es darf hier allerdings nicht der Eindruck entstehen, es würde ein Bild des Menschen als »homo idioticus« gezeichnet, als würde die »Schuld« für diese Misere bei den Akteuren selbst liegen oder als sollten alle Menschen Wissenschaftler werden. Letzteres ist aufgrund der Notwendigkeit gesellschaftlicher Arbeitsteilung gar nicht möglich3. Und ersteres ist deshalb nicht der Fall, weil die beiden beschriebenen Szenarien auf eine Weise erklärbar sind, die es für den Akteur rational machen, auf diese Weise zu denken.

Meine These ist: Es ist für den Akteur rational, aufgrund des Ethos der Moderne, der Vernunft und der Wissenschaften zu den Szenarien der Pseudowissenschaftlichkeit und der expliziten Ablehnung von Wissenschaft und Vernunft zu gelangen. Darin besteht das, was ich die »Dialektik« der Moderne und der Wissenschaften nennen möchte. Dennoch kann die Lösung nicht in weniger Moderne, Vernunft und Wissenschaft bestehen, da die Konsequenzen katastrophal wären. Und insofern die möglichst adäquate Erkenntnis der Welt einerseits und das ideale Austragen von Konflikten mittels Argumenten statt mittels Gewalt andererseits notwendig für eine progressive, humanistisch-linke Programmatik sind, werden wir schließlich verstehen können, weshalb die Misere der Moderne, der Vernunft und der Wissenschaften auch eine der Linken ist – und dass die Lösung der Misere beide Kontexte gleichermaßen betrifft.

3. Boudons Autoritätseffekte

Mittels der Annahme der Autoritätseffekte, die der französische Soziologie Raymond Boudon in seiner Monographie Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs (1988) theoretisch postuliert, soll nun erklärt werden, wie aus der notwendigen Kompetenz- und Ressourcenasymmetrie, wie sie sich in fortgeschritteneren Gesellschaften findet, ein Zerrbild der Wissenschaften für den Akteur entsteht. Im Anschluss dient die Theorie der projektiv-aneignenden Interpretation von Tepe dazu, nachzuzeichnen, inwiefern dieses Zerrbild mit einem illusorischen Anspruch auf Bedürfnisbefriedigung aufgeladen wird. Dieses Zerrbild kann die Ansprüche, die daran gestellt werden, nicht einlösen, sodass es schließlich zu einer Enttäuschung über dieses Zerrbild kommt – und damit auch zu einer Ablehnung von Wissenschaft, Vernunft und Moderne.

Boudons Überlegungen ergeben sich im Rahmen seiner Ideologiekritik. »Ideologien« sind seiner Definition nach Theorien im weiten Sinne, die sich durch sachliche Falschheit oder zumindest verfehlte Interpretation anderer Theorien auszeichnen und die den Glauben nicht verdienen, den man ihnen schenkt. (Boudon 1988, 41) Er spezifiziert sie weiterhin als „Doktrin[en], die auf einer wissenschaftliche[n] Argumentation [beruhen] und [denen] eine übertriebene und völlig ungerechtfertigte Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird.“ (Ebenda, 48) Diese übertriebene oder ungerechtfertigte Glaubwürdigkeit, die den als Ideologie charakterisierten Doktrinen von Seiten der Akteure zugeschrieben wird, ist nun erklärungsbedürftig.

Boudons Ausgangspunkt zur Erklärung dieser verfehlten Glaubwürdigkeit ist die systematische Kompetenz- und Ressourcenasymmetrie, die ab einem gewissen Grad an gesellschaftlicher Arbeitsteilung einsetzt: Jeder Akteur verfügt laut Boudon nur über begrenzte „Ressourcen (an Zeit, Denkkapazität, Mitteln und Gütern, aber auch an Rechten und Lizenzen)“ (Schmid 2004, 217). Aufgrund der Ressourcenknappheit kann der Akteur vor allem nicht als vollständig informiert über seine Situation gelten. Stattdessen muss er eben mit nur denjenigen unvollständigen Informationen, die ihm zur Verfügung stehen, seine Überzeugungen und Handlungen rechtfertigen. Die Rationalität seiner Überzeugungen, Handlungen und Entscheidungen basiert darauf, was der Akteur für gegeben hält – unter den Bedingungen unvollständiger Informiertheit. Welche Informationen der Akteur nun für gegeben hält, hängt nicht zuletzt von seiner sozialen Umwelt ab. Boudon nennt dies »verortete Rationalität«, weil dann die Frage danach, was inhaltlich für den Akteur rational ist, von seiner sozialen Verortung abhängt (also etwa von seiner beruflichen Eingebundenheit, seinen Ressourcen an Bildung und anderen Mitteln oder seinen Bekanntschaften zu Experten oder Andersdenkenden). Darauf ist gleich noch zurückzukommen.

Boudons These ist nun, dass mittels der unvollständigen Informiertheit die Genese und Verbreitung von Ideologien erklärt werden kann, also falscher Überzeugungen mit ungerechtfertigtem Glaubensanspruch. Und zwar wie folgt: Zwar mögen die Theorien falsch sein; da der Akteur jedoch nur über eine begrenzte, »verortete« Perspektive verfügt, ist dies für ihn nicht ersichtlich. Er rechtfertigt seine objektiv falschen Überzeugungen mit objektiv fehlerhaften Gründen, mag jedoch besten Wissens und Gewissens glauben, er handele phänomenkonform. Aus dieser »subjektiven« oder »verorteten Rationalität« soll nun folgen, dass jemand aus für ihn »guten Gründen« an verfehlte Überzeugungen glaubt.

Zentral für die begrenzten Mittel an Ressourcen und Kompetenzen, die zur »verorteten Rationalität« führen, ist das Blackbox-Problem: Ein Großteil unserer jeweiligen Überzeugungen kann aufgrund der Knappheit von Ressourcen und Kompetenzen nicht von uns selbst überprüft werden. Es wäre aufgrund dieser Knappheiten auch irrational, jede Information, von der wir überzeugt sind oder überzeugt sein wollen, einer eigenständigen Prüfung zu unterziehen zu wollen. Die Wahrnehmung einer Idee als «black box» stellt dabei sogar den Normalfall dar. Gerade bei einem Spezialistentum, wie es für die Wissenschaften charakteristisch ist, ist dies frappant:

Wenn man selbst kein Physiker ist, ist es also rational, die Ideen der Physik als »black boxes« zu behandeln, die man entweder für wahr oder für falsch hält; nicht etwa, weil man die Vorgänge selbst nachvollzogen hätte, die zum einen oder anderen Schluss geführt haben, sondern weil auf diesem Gebiet kompetente Personen sie für wahr oder falsch halten. (Boudon 1988, 113; zweite Kursivierung v. PK)

Das Blackbox-Problem führt nun zu bestimmten »Kommunikationseffekten«. Einer dieser Kommunikationseffekte ist für unsere Belange am wichtigsten und soll deshalb ausführlicher behandelt werden: Der Autoritätseffekt, bei dem der Verweis auf eine kompetente Autorität als Ersatz für die eigenständige Qualifizierung einer zu übernehmenden Theorie herhält. Autoritätseffekte sind damit Rechtfertigungsdelegationen auf epistemische Autoritäten4, die durch das Blackbox-Problem zustande kommen. Damit können epistemische Autoritäten, die ja auch unerlässliche Effekte als Gültigkeitskriterium für die Überzeugungen von Laien mit sich bringen, ebenfalls zur Rechtfertigung abwegiger Gedankengebilde gebraucht werden.

Wenn man die Akzeptanz einer Überzeugung nun nicht selbst rechtfertigen kann, sondern diese über die Glaubwürdigkeit der entsprechenden epistemischen Autorität rechtfertigen muss, findet eine Verantwortungs- und Rechtfertigungsdelegation auf diese epistemische Autorität statt. Diese Delegation ist einerseits entlastend, weil sie den Akteur aus der Pflicht zur eigenständigen Rechtfertigung der fraglichen Überzeugungen entlässt, und dieser kann andererseits unabhängig von dem epistemischen Selbstvertrauen, das er sich selbst zuschreibt, seinen Überzeugungen dann einen hohen epistemischen Status zuschreiben, wenn die epistemischen Autoritäten, an die er seine Rechtfertigungen delegiert, einen solchen hohen Status haben.

Der Autoritätseffekt unterminiert mithin die kritische Distanz und erfüllt zugleich die Funktion einer Begründung. Boudon spricht deshalb auch von Autorität als Gültigkeitskriterium. Epistemische Autorität produziert also scheinbare Evidenz. Die eigentliche Rechtfertigung wird an die (vorgestellte) Autorität delegiert. Im Alltagsdenken, beginnend mit der Sozialisation, bewirkt der Rekurs auf eine Autorität tendenziell den Abbruch der Diskussion – was als Indiz für ihre Funktion als Gültigkeitskriterium gelten kann.

Boudon hatte »Ideologien« spezifiziert als „Doktrin[en], die auf einer wissenschaftliche[n] Argumentation [beruhen] und [denen] eine übertriebene und völlig ungerechtfertigte Glaubwürdigkeit zugeschrieben wird.“ (Ebenda, 48; Kursivierung v. PK) Durch den Autoritätseffekt wird dieser Verweis verständlicher: Denn besonders anfällig für derartige Verzerrungen sind ironischerweise vor allem Rechtfertigungsdelegationen auf diejenigen Institutionen, denen es vor allem um Klarheit, Nüchternheit, Präzision und Wahrheitsliebe geht, nämlich die Wissenschaften:

Eine vorgefaßte Meinung entsteht nämlich immer auf folgende Weise: Es ist unerläßlich, daß sie zumindest anfangs als wahr und auf einer Autorität basierend angesehen wird. Die am breitesten anerkannte Autorität in unserer Zeit ist die Wissenschaft. (Ebenda, 262)

Der Grund für die Attraktivität der Rechtfertigungs- und Verantwortungsdelegation an die Wissenschaften besteht vor allem in einem falschen Bild von den Wissenschaften: in der Wissenschaftsgläubigkeit, dem Szientismus: So schreibt etwa Frank Wuketits:

Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit scheint zu den wichtigsten Bausteinen vieler Ideologien zu gehören. Wenn etwas »wissenschaftlich erwiesen« ist, läßt sich der Wahrheitsanspruch der damit verbundenen – oder daran angehängten – Ideologien offenbar leichter reklamieren. Das hängt damit zusammen, dass man Wissenschaft vielerorten als ein »System letzter Wahrheiten« zu betrachten geneigt ist. (Wuketits 1992, 186)

Und Boudon schreibt dazu:

[…] die Wissenschaftsgläubigkeit [steht] durch ihren totalisierenden Anspruch zur Natur der Wissenschaft in Widerspruch […]. (Boudon 1988, 266)

Die Wissenschaftsgläubigkeit verkennt den Status und die Methodologie der Wissenschaften, verzerrt ihr Verständnis der Wissenschaft nach eigenen Bedürfnissen – worauf ich im nächsten Kapitel eingehen werde –, macht sie sich auf diese Weise zu eigen und bildet sich damit – wiederum ironischerweise gerade wegen des Erfolgs der Wissenschaft und der allgemeinen Achtung, die sie genießen – ein de facto pseudowissenschaftliches Zerrbild der Wissenschaften. Sie verwandelt – lakonisch gesagt – die Wissenschaft in ein Fetisch. Dabei wird nicht nur der Status der Wissenschaften systematisch verkannt. Auch die je einzelnen Theorien werden im Rahmen der begrenzten Kompetenzen, die Laien zur Verfügung haben, interpretiert, adaptiert und dadurch verfremdet:

Die Tatsache, daß die zugkräftigsten Ideologien oft solide wissenschaftliche Kerne enthalten, die nur von einer ausgesuchten Elite als »white boxes« behandelt werden können, steht also nicht im Widerspruch zu ihrer Fähigkeit, sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu verbreiten. Von Station zu Station verändert sich lediglich die Form der Botschaft. Die Verbreitung der Ideologien ist nämlich kein mechanischer Prozeß. Sie ist vielmehr die Sache von Handelnden und Vermittlern, die natürlich die Botschaft auf ihr Publikum zuschneiden, so wie sie es wahrnehmen. (Ebenda, 274)

Ein geistiges Produkt, das bei seinem Urheber den Status einer wissenschaftlichen Theorie hat, nimmt also durch eine Kumulation von Kommunikationseffekten beim endgültigen Empfänger oft die Form eines Mythos an. Die in der ursprünglichen Theorie enthaltenen Wahrheiten verlieren ihren bedingten Charakter, nur die wesentlichen Merkmale der Analyse werden beibehalten, und die wissenschaftliche Argumentation wird zunehmend durch eine rhetorische oder exegetische Argumentation ersetzt. Die Überzeugungskraft dieser Varianten beruht jedoch weiterhin auf der wissenschaftlichen Autorität der Theorie. (Ebenda)

Die Wissenschaften werden deshalb zum Opfer dieser Aneignung, weil sie in der modernen westlichen Welt den maßgeblichen Orientierungsrahmen vorgeben, weil ihre Erfolge eindeutig sind, und weil sie – deshalb – zu Recht größtes Ansehen genießen. Zugleich aber sind ihre Methoden – wie bereits im zweiten Kapitel erwähnt – meist kontraintuitiv, ihre Sprache für Laien oft unverständlich und ihre Theorien schwierig. Gerade dass wissenschaftliche Theorien nicht allgemein verständlich sind, ist der Grund dafür, dass sich dubiose Überzeugungen, die sich auf die Wissenschaften stützen, so leicht verbreiten können. So wird nun deshalb die unerlässliche Funktion epistemischer Autoritäten ins Negative verkehrt, weil sie zur Rechtfertigung abwegiger Gedankengebilde herhalten müssen, die sie selbst gar nicht in die Welt gesetzt haben. Diese abwegigen Gedankengebilde, deren angebliche Legitimation sich immer noch dem – hier: fälschlich zugeschriebenen – Status der Wissenschaften verdanken, können sich freilich wiederum nicht nur auf je einzelne wissenschaftliche Theorien, sondern auch auf die Wissenschaften als solche beziehen.

Laut Niemann mag das Problem des fälschlich zugeschriebenen epistemischen Status’ der Wissenschaft teilweise auch dadurch entstehen, dass denjenigen, die auf wissenschaftliche Theorien vertrauen, nur mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Arbeit konfrontiert sind, nicht aber mit dem kritischen, zetetischen Prozess der Theoriegewinnung und -überprüfung. Ihnen stehen die Resultate also en bloc gegenüber, wodurch sie einen abgeschlossenen, endgültigen Status suggerieren.

Wissenschaftliche Lehrbücher enthalten relativ selten Hinweise auf den historischen Entdeckungs- und Rechtfertigungszusammenhang, in dem das eigentliche kritische Denken zum Erfolg geführt hat. Sie werden nach getaner Arbeit in deduktiver Form abgefasst, also in der Form des klassischen Begründungsdenkens, so dass man den Eindruck haben muss, Erklärungen und Vorhersagen seien deshalb wahr, weil sie aus wahren Sätzen folgen: Nach dem Ohmschen Gesetz muss Spannung an einem Widerstand einen Strom erzeugen. (Niemann 2008, 53)

Boudons Effekt“ könnte man also das folgende Phänomen nennen: Eine Überzeugung wird partial übernommen, mit einer – kompetenzbedingt fehlverstandenen – Autorität gerechtfertigt und zu einem eigenständigen System ausgebaut, dem dennoch der Schein der externen Rechtfertigung verliehen wird. Auf diese Aneignung wissenschaftlicher Theorien werde ich im nächsten Kapitel zu sprechen kommen. Dieser Effekt, der die Wissenschaft in einen szientistischen Fetisch verwandelt, folgt aus der notwendigen Kompetenzasymmetrie und der Notwendigkeit für den Akteur, dennoch gerechtfertigt sein zu wollen. Da der Akteur mit dem zu Recht hohen Status der Wissenschaften konfrontiert ist, zugleich aber nicht über die Kompetenzen verfügen kann, wissenschaftliche Methoden und Theorien selbstständig angemessen zu beurteilen, ist es für ihn naheliegend, die Wissenschaften so zu verstehen, wie er sie nur verstehen kann, will er von ihnen als ressourcensparende Rechtfertigungsinstanz profitieren. Dass die Wissenschaften dadurch zu einem Zerrbild ihrer selbst, zu einem Fetisch für den Akteur werden, ist für ihn also durchaus binnenrational.

Dass sich auf diese Weise ein Szientismus ergibt, der etwa annimmt, die Wissenschaften würden sichere Wahrheiten generieren, wird nochmals plausibler, wenn die weltanschaulichen Interessen des Akteurs mit berücksichtigt werden. Wie es dazu kommt, dass diese Interessen ihre Verwirklichung im fehlerhaften Bild von den Wissenschaften suchen, ist Gegenstand des nächsten Kapitels.

4. Projektiv aneignende Interpretationen

Boudon schreibt:

Ich habe zu zeigen versucht, dass die Ideologien u.a. ihre Kraft aus der Verwechslung der Gültigkeit einer Ideologie mit dem Interesse an ihr schöpfen. (Boudon 1988, 259)

Das Interesse der Akteure ergibt sich nun auch aus den Bedürfnissen, deren Befriedigung der Akteur sich von Überzeugungen verspricht, sodass etwa rein auf Erkenntnis ausgerichtete kognitive Überzeugungssysteme – etwa die der Wissenschaften – auch Interessen und Bedürfnisse befriedigen sollen, die man sich eher von klassischen Weltanschauungen verspricht. Weltanschauliche Überzeugungen gehen allerdings über das Kognitive hinaus. (Schurz 2009, 99) Vor allem der hohe Status, der den Wissenschaften zugeschrieben wird, sowie der Umstand des Vertrauensverlusts in klassische Weltanschauungen, die sich etwa auf religiöse Überzeugungen stützten, mag dafür ausschlaggebend sein, dass Menschen sich von den Wissenschaften mehr versprechen, als diese halten können.

Bei Weltanschauungen handelt es sich um plurifunktionale Führungssysteme. Diese weisen folgende Funktionen auf: a) Informationsvermittlung, b) werthaft-normative Handlungssteuerung und c) emotionale Befriedigung. Aufgrund der in Weltanschauungen anzutreffenden typischen Vermengung dieser Funktionen fällt es Laien häufig so schwer, die von den Funktionen b) und c) befreiten Kerne wissenschaftlicher Theorien und Methoden zu akzeptieren. (Topitsch 1988) Vielmehr konfundiert die von Boudon beschriebene Übernahme von Überzeugungen in aneignender Hinsicht die kognitive und die praktische Dimension.

Auf welche Weise das Bedürfnis nach einer umfassenden Weltanschauungen zu der Fetischisierung der Wissenschaften beitragen kann, lässt sich nun an Boudon anknüpfend mit der von Tepe und Bühler – ursprünglich für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik formulierten – Theorie der projektiv-aneignenden Interpretationen erklären.

Die Übernahme der Überzeugungen Anderer – etwa einer wissenschaftlichen Theorie oder auch einer Überzeugung über die Wissenschaften als solche – kann als ein Akt der Imitation beschrieben werden. Nun kann eine Imitation »rein« vonstattengehen (wie bei einer fehlerfreien Kopie), oder typischerweise mit einer Modifikation zusammenfallen, selbst wenn der Laie diese Modifikation nicht beabsichtigt haben mag. Gründe für die Modifikation können etwa darin liegen, dass er die übernommene Überzeugung tatsächlich nur ungenügend oder fehlerhaft versteht, dass er sie illegitim auf seine eigene (Handlungs-)Situation anpasst oder er sie falsch interpretiert.

Eine besondere Art der fehlerhaften Interpretation stellt die aneignende dar: Bei dieser eignet sich der Akteur eine Überzeugung nicht primär nach kognitiv-epistemischen, sondern persönlichen werthaft-ästhetischen Gesichtspunkten an. (Tepe 2012, S. 128 f.; Bühler/Tepe 2008; Bühler/Tepe/van Peer 2009) Ästhetische Vorlieben oder das Interesse an Selbstbestätigung steuern hier also die Modifikationen, denen die Interpretation unterworfen wird. Bei einer aneignenden Interpretation der Aussagen einer epistemischen Autorität wird die Theorie oder Aussage durch den Laien zu einem Placebo: Aus der medizinischen Forschung wissen wir, dass ein Placebo dann wirksam ist, wenn man einer Entität (Person oder Institution) in der Aussage vertraut, dass das Medikament wirksam ist. Auch hier haben wir eine epistemische Autorität, die die Wirksamkeit des Medikaments rechtfertigt.

Dies [dass eine Weltanschauung für wahr oder gültig angenommen wird; Anm. v. PK] hängt damit zusammen, dass der Glaube an eine WA [Weltanschauung] immer einen gewissen (verallgemeinerten) Placebo-Effekt besitzt: Das heißt, unabhängig von der Wahrheit bewirkt schon allein der Glaube daran etwas im Menschen, zum Beispiel Selbstvertrauen, Überzeugungskraft gegenüber Anderen, inneren Halt, usw. (Schurz 2009, 104)

Obwohl der korrekte oder vernünftige Gehalt, also die eigentliche »Wirksamkeit« schwindet oder verloren geht, glauben sie, der Gehalt sei korrekt oder vernünftig, weil er ja »angeblich« von einer epistemischen Autorität stammt. Dies ist die bereits von Boudon erkannte Rechtfertigungsdelegationsfunktion epistemischer Autoritäten. Doch, wie Boudon ebenfalls bereits postulierte, muss die epistemische Autorität nicht angemessen in ihrem tatsächlichen epistemischem Status erkannt werden, um diese Rechtfertigungsdelegationsfunktion zu erfüllen. Wir haben es hier also mit einem Aneignungsprozess zu tun, bei dem der Wunsch der Vater des Gedankens war.

Tepe nennt dies die »verdeckte« Form der aneignenden Interpretation, weil der Interpret (in den Textwissenschaften) bzw. der Laie (in unserem Falle) fälschlicherweise denkt, es mit einer Erkenntnisleistung zu tun zu haben. Der Interpret vollbringt jedoch de facto nur eine Projektionsleistung – das Interpretierte wird so verstanden, wie der Interpret es sehen möchte. Deshalb spricht Tepe auch von projektiv-aneignender Interpretation. (Tepe 2007)

Daneben gibt es noch den Fall, dass eine bereits vorhandene Weltanschauung nur noch durch einen aneignenden Rekurs auf eine epistemische Autorität gerechtfertigt oder legitimiert wird. In dem Fall, dass der Laie seine Weltanschauung oder einzelne Komponenten dieser mit der Theorie der epistemischen Autorität identifiziert, findet sich der gleiche Mechanismus wieder, wie bei der aneignenden Übernahme einer neuen Überzeugung durch eine epistemische Autorität.

Auf diese Weise können einerseits prinzipiell beliebige Gehalte mit dem Begriff und Status einer Autorität wie der Wissenschaft verbunden werden, ohne dass dies für den Akteur, der diese Projektionsleistung vollbringt deshalb irrational wirken muss. Andererseits werden für den Akteur dadurch hoffnungsvolle Erwartungen mit dieser Autorität verbunden, die dieser nicht nur nicht entsprechen, sondern die sie auch kaum wird erfüllen können; womit wir uns im nächsten Kapitel auseinandersetzen werden.

Zuletzt sei hier gesagt, dass mittels der aus Kompetenzasymmetrien resultierenden Autoritätseffekte, dem Bedürfnis nach weltanschaulicher Orientierung und den daraus resultierenden projektiv-aneignenden Interpretationen auch erklärt werden kann, wie sich fehlerhafte Überzeugungen, etwa über den Status der Wissenschaften, massiv und unbesehen verbreiten können. Und dass diese Verbreitung zwar mit einer gleichen oder ähnlichen Sprache operiert, sich die fraglichen Akteure aber ganz verschiedene fehlerhafte Konzepte darunter vorstellen können. Wir finden dann also ein Sammelsurium von Vorstellungen über die Wissenschaft vor, die sich kaum miteinander verständigen können, da sie zwar tendenziell eine ähnliche Sprache nutzen, damit aber Unterschiedliches verbinden, und die sich mitunter ganz verschiedene Bedürfnisbefriedigungen von den Wissenschaften versprechen, ohne sich dessen gewahr zu werden. Diese fehlerhaften, überanspruchsvollen Vorstellungen werden nun ihrerseits von anderen Akteuren projektiv-aneignend interpretiert und als eigene – eben angeeignete – Vorstellungen pseudo-adaptiert5.

5. Politische Entmutigung

Der nächste Schritt besteht in den Enttäuschungen über die Wissenschaften, die damit auch die Moderne und die Idee des methodischen Vernunftgebrauchs treffen. Sie konnten aus offensichtlichen Gründen ihren – falsch zugeschriebenen – szientistischen Anspruch (etwa nach sicherer Wahrheit) nicht einlösen. Und sie konnten nicht das Bedürfnis nach allseitiger weltanschaulicher Erfüllung befriedigen. Sie wurden notwendigerweise ihres Fetischs nicht gerecht. Daraus resultiert eine Enttäuschung von Seiten der Akteure, die das projektiv aufgeladene und dadurch verzerrte Bild der Moderne, der Vernunft und der Wissenschaften trifft. Doch die eigentlichen Wissenschaften und die Konzepte der Moderne und des Vernunftgebrauchs werden nun fatalerweise mit getroffen. Die Akteure suchen dann nach alternativen Welterklärungs- und Führungsmodellen, ummanteln ihre dubiosen Vorstellungen nicht einmal mehr mit dem Schein der wissenschaftlichen Vernunft, sondern ersetzen das ganze System, um ihre Bedürfnisse nach Erklärung und weltanschaulicher Führung befriedigen zu können.6

In dreierlei Hinsichten hängt diese Konsequenz, die zur Misere der Moderne führt, mit der Misere der Linken zusammen: Erstens benötigt die Linke für ihre Agenda der progressiv-humanistischen Welterklärung und -veränderung möglichst zutreffende Theorien über die Welt – und damit die Wissenschaften. Zweitens ist die linke Idee, die Welt planvoll zum Besseren zu verändern und dies durch wissenschaftliche Mittel zu bewerkstelligen, aufs Engste mit dem Vernunft- und Emanzipationsgedanken der Moderne verbunden, wenn nicht gar mit ihr identisch. Drittens wurde auch das linke Projekt der allseitigen Verbesserung der Welt in den Augen der Akteure zu einem Fetisch stilisiert – nicht zuletzt auch aufgrund der komplexen und unintuitiven, wissenschaftlichen Theorien, auf denen etwa der Marxismus basiert.7 Und ebenso wie die Wissenschaften am Fetisch des Szientismus scheitern, so scheitert die Linke an einem Fetisch ihrer selbst. Ironischerweise arbeitet sowohl der Szientismus, als auch der Fetisch der Linken mit dem Gedanken der dogmatischen Abschließung: Fetischisiert gedacht, ist eine wissenschaftliche Theorie oder ein zentraler linker politischer Agenda-Punkt unumstößlich.

Aus dieser Starrheit, die sicherlich als Projektion allzumenschlicher Sicherheitsbedürfnisse erklärt werden kann, resultiert auch eine Starrheit darin, mit Enttäuschungen umgehen zu können: Eine Weile wird dann wohl noch am Fetisch festgehalten. Doch irgendwann stellt sich eine Entmutigung ein, die insofern fatal ist, als sie durch unzureichendes Verständnis dessen, woran man hier glaubt, auch unfähig ist, sich auf vernünftigem Wege selbst zu revidieren, die Niederschläge konstruktiv aufzunehmen und durch die niederschmetternde Konfrontation mit der Wirklichkeit die eigenen Ansprüche zu reduzieren; also zu lernen. Stattdessen beobachten wir eine politische Entmutigung aufgrund der Rückschläge, die dazu führt, das gesamte Programm als gescheitert anzusehen – auch, weil wohl die Kompetenzen fehlen, das Programm systematisch zu verstehen und einzelne Aspekte in ihren Auswirkungen analysieren zu können. Statt einer Reduzierung der eigenen Ansprüche wird nun stattdessen das Programm nach und nach gänzlich verworfen und nach einem neuen Paradigma Ausschau gehalten, das die eigenen Bedürfnisse nach Welterklärung und Führung erfüllen kann.

Das hohe Ansehen der Wissenschaften und die linke Hoffnung auf verbesserte Lebensbedingungen haben sich also projektiv-aneignend in Fetische ihrer eigenen Agenda verwandelt – aufgrund systematischer Kompetenzasymmetrien und dem Autoritätseffekt, sowie dem Bedürfnis nach Sicherheit und umseitiger Weltorientierung. Dabei profitierten diese Fetische eine Weile von der Rechtfertigungsfunktion ihrer Ursprünge, doch konnten sie die Ansprüche, die an sie gestellt wurde, aufgrund ihrer projektiv-aneignenden Bedürfniskonformität systematisch nicht erfüllen. Ihre Enttäuschung war notwendig, die Kompetenzen ihrer vernünftigen Analyse und partiellen Revision nicht gegeben, wohl jedoch die Persistenz der genannten Bedürfnisse – und somit kam es dazu, dass die Gläubigen ihren Glauben verloren und gegen ihren Fetisch opponierten, um einen neuen zu finden, der ihre Ansprüche erfüllen könnte.

Alan Sokal etwa schreibt, dass sich die traditionelle Linke als „rechtmäßige Erbin der Aufklärung und als Verkörperung von Wissenschaft und Rationalität“ sah (Sokal 1999, 248). Doch ihre Rückschläge – die kommunistische Weltrevolution blieb aus, die Gewerkschaften wurden marktliberal eingehegt und der realexistierende Sozialismus wurde zu einem autoritären Stalinismus – führten dazu, dass viele Akteure diese nun mitsamt Wissenschaft und Rationalität abzulehnen geneigt waren. Die Flucht in akademische Esoterik ist seiner Ansicht nach eben wegen dieser politischen Entmutigung im Angesicht dieses Scheiterns linker politischer Projekte zustande gekommen (Ebenda, 249 f.). Der entsprechende Paradigmenwechsel in der Linken, der sich mit der Etablierung postmoderner Theorien vollzog, resultiert nun in erster Linie in einer Kastration politischer Handlungsmacht, denn für eine solche sind zutreffende Theorien über die Welt nötig. Sokal schreibt dazu:

Das größte Problem besteht allerdings darin, daß jede Chance einer Sozialkritik, die jene erreichen könnte, nicht ohnehin überzeugt sind – angesichts der verschwindend kleinen Zahl der Linken in den USA eine Notwendigkeit –, aufgrund der subjektivistischen Voraussetzungen logisch unmöglich wird. Wenn alle Abhandlungen nur „Geschichten“ oder „Erzählungen“ sind und keine mehr Objektivität oder Wahrheit besitzt als eine andere, muß man einräumen, daß die schlimmsten sexistischen oder rassistischen Vorurteile und die reaktionärsten sozio-ökonomischen Theorien „die gleiche Berechtigung haben“, zumindest als Beschreibungen oder Analysen der realen Welt (unter der Voraussetzung, daß man die Existenz der realen Welt akzeptiert). Ohne Zweifel ist der Relativismus eine extrem schwache Grundlage für Kritik an der existierenden gesellschaftlichen Ordnung. (Ebenda, 255)

In Sokals Augen führte der Szientismus und die Fetischisierung der linken Agenda zu einer frustrierten Kehrtwende im Angesicht der Enttäuschung der illusorischen Ansprüche, die ebenfalls eine politische Resignation impliziert hinsichtlich der Erkenntnis und Veränderbarkeit der Welt – womit er erklären will, weshalb es eben die postmodernen, also relativistischen Theorien waren, die die Orientierung der klassischen Linken an der Moderne ablösten. (Ebenda, 240)

Leider wurde die Wissenschaftsgläubigkeit – von ihren Anhängern wie von ihren Kritikern – oft mit Wissenschaftlichkeit verwechselt. Aus diesem Grund führte die durchaus berechtigte Ablehnung des Szientismus in den Sozialwissenschaften manchmal zu einer ebenso ungerechtfertigten Ablehnung der Wissenschaft als solcher – und das sowohl von Seiten der ehemaligen Befürworter wie der ehemaligen Gegner der alten Szientismen. So war in Frankreich nach dem Mai 1968 die Reaktion gegen die Wissenschaftsgläubigkeit bestimmter stark dogmatischer Strömungen des Strukturalismus und Marxismus ein Faktor (neben vielen anderen), der zur Entstehung der Postmoderne führte (die „Skepsis gegenüber den Metaerzählungen“, um Lyotards berühmtes Schlagwort zu zitieren). (Ebenda, 239)

Und er bringt die Akteursperspektive dadurch auf den Punkt:

Da die und die (allzu vereinfachte) Methode, der man dogmatisch anhing, nicht funktioniert, funktioniert überhaupt nichts, ist alles Wissen unmöglich und subjektiv etc. (Ebenda, 240)

Meine These vom Anfang des Vortrags war: Es ist für den Akteur rational, aufgrund des Ethos der Moderne, der Vernunft und der Wissenschaften zu den Szenarien der Pseudowissenschaftlichkeit und der expliziten Ablehnung von Wissenschaft und Vernunft zu gelangen. Darin besteht das, was ich die „Dialektik“ der Moderne und der Wissenschaften nennen möchte.

Nun ist deutlich gemacht worden, weshalb Wissenschaft, das Konzept der Moderne und das Ideal des Vernunftgebrauchs ihre eigene Negation bewirken können. Doch ist diese fatale Konsequenz alternativlos?

6. Was tun?

Zusammengefasst: Die objektive Glaubwürdigkeit der Wissenschaften impliziert noch nicht, dass ein Akteur auch die Mittel (also Kompetenzen und Ressourcen) besitzt, diese Glaubwürdigkeitsannahme zu rechtfertigen. Der Akteur kann auch aus subjektiv guten, aber objektiv schlechten oder falschen Gründen von dieser Glaubwürdigkeit überzeugt sein – was auch defiziente Verfahrensweisen mit ihr provozieren kann (wie eben etwa aneignende Interpretationen im Gefolge szientistischer Fetischisierung und Legitimationsdelegation). Der zu Recht hohe Status der Wissenschaften wird also durch die notwendigen Autoritätseffekte zur Keimzelle für szientistischen Aberglauben und für das, was ich im Anschluss an Tepe »projektiv aneignende Interpretation« genannt habe. Die Wissenschaften können ob ihres privilegierten Status’ Rechtfertigungsdelegationen und Überzeugungen bewirken, die selbst zur wissenschaftlichen Denke, ihrem Gehalt und ihrer Methode im Widerspruch stehen. So verkommt Wissenschaft und das Projekt der Moderne, das das Projekt der Linken ist, zu ihrem eigenen Fetisch. Sie verkommt zu einer Chimäre im Zerrbild ihrer öffentlichen Wahrnehmung, die die Ansprüche, die an sie gestellt werden, systematisch nicht erfüllen und somit nur enttäuschen kann. Diese Erkenntnisse sind aus zweierlei Gründen von Interesse: Erstens helfen sie uns, bestimmte prototypische – etwa szientistische, aber auch pseudowissenschaftliche – Ideologien zu erkennen und zu verstehen, auf welche Weise diese ihre vorgebliche Rechtfertigung und Geltung generieren. Und zweitens sind sie technologisch fruchtbar, denn, wenn Boudon richtig liegt, hilft ein Imperativ, der »Mehr Wissenschaft!« fordert, kaum, diese bestimmten Ideologien zu reduzieren, sondern kann sie möglicherweise sogar noch befördern. Viel wichtiger wäre dagegen ein angemessenes Verständnis der Wissenschaften, statt ihre Fetischisierung, um aneignende Interpretationen zu vermeiden.

Man kann anscheinend weder den Laien, noch den Experten einen wirklichen Vorwurf machen: Die Laien handeln in unserem Falle rational, solang ihre Überzeugungen über – in unserem Falle – die Wissenschaft falsch sind. Und eine epistemische Autorität, wie die Wissenschaft, wird durch die Aneignungsprozesse geradezu ausgenutzt. Was ihr jedoch möglich ist, ist der Versuch, das Potential, ausgenutzt zu werden, zu verringern: Indem sie bestenfalls empirisch prüfbare Theorien aufstellt, indem sie auf den hypothetischen Status ihrer Aussagen Wert legt, indem sie die Methoden der Gewinnung ihrer Überzeugungen transparent macht, indem sie offen nach Kritik sucht und sich dieser redlich stellt, indem sie Fehler eingesteht und Verbesserungen vorschlägt (statt „hinterrücks“ Optimierungen in die Theorie einzubauen), sowie indem sie eine möglichst verständliche Sprache wählt und sich um tatsächliche Verständigung bemüht. Außerdem wäre es einer epistemischen Autorität, der es um das korrekte Verständnis ihrer Aussagen geht, angeraten, die offensive Kooperation mit den Medien zu suchen (damit die ersten fehlerhaften Blüten nicht bereits auf der Ebene der Journalisten treiben).

Es liegt also durchaus partiell in der Verantwortung derjenigen, die für epistemische Autoritäten gehalten werden, die vorliegenden Schwierigkeiten durch die Verfahren der Kommunikation ihrer Methoden und Theorien zu entschärfen und dadurch die Entscheidungssituation für die Akteure zu verbessern. Ich denke, dass sich durch höhere Ansprüche an die Kommunikation tendenziell die Spreu vom Weizen trennen wird, und dass es schwieriger wird, Autoritätseffekte zu produzieren. Dies wäre ein Prinzip und eine Forderung kritischer Aufklärungsphilosophie. Es ist auf diese Weise unerlässlich, szientistischen und anderen wissenschaftsgläubigen Überzeugungssystemen entgegen zu treten, damit sich nicht durch fälschlich zugeschriebene Ansprüche die Wahrnehmung der Wissenschaften in ein Zerrbild verwandelt. Die Wissenschaften müssen ihre eigenen Grenzen, Bedingtheiten und Unzulänglichkeiten offensiver kommunizieren. Es muss also dafür gesorgt werden, dass Laien zu angemessenen Vorstellungen über den Status der epistemischen Autoritäten, ihrer Aussagen und Methoden kommen. Mittel dazu, ein besseres gesellschaftliches Verständnis zu schaffen, wären etwa: Die Implementierung zumindest basaler erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Theorien in der Schule; freie elektronische Publikation aller wissenschaftlichen Abhandlungen; die weitergehende Vereinfachung des Zugangs zu Bildung; engere Anbindungen an den Wissenschaftsjournalismus.

Das Projekt der Moderne und der Wissenschaften – und damit auch das Projekt der linken Verbesserung der Welt durch den methodischen Vernunftgebrauch – kann man nur verteidigen und forcieren, indem man auf ihre tatsächlichen internen Funktionsweisen und auch auf ihre Grenzen aufmerksam macht. Nicht jeder Mensch kann ein Wissenschaftler werden; und erst recht kann niemand auf allen wissenschaftlichen Feldern zu einem Experten, zu einer epistemischen Autorität werden. Aber jeder Mensch kann durch die Vermittlung grundlegender Konzepte der Wissenschaftstheorie und Methodologie und durch die Reformation der Wissenschaftskommunikation vor der Fetischisierung der Moderne und der Wissenschaften und damit vor der politischen Entmutigung bei Nichterfüllung der an sie gestellten allzu hohen Ansprüche geschützt werden. Nur auf diese Weise verhindern wir den Umschlag in Pseudowissenschaften, Esoterik, Religion, Obskurantismus und den die Vernunft frustriert ablehnenden Rückfall in die Barbarei.

Literatur

Boudon, Raymond (1988): Ideologie. Geschichte und Kritik eines Begriffs. Hamburg: Rowohlt.

Bühler, Axel; Tepe, Peter; Van Peer, Willie (2009): Zum Konzept der erklärenden Hermeneutik. In: Mythos-Magazin. Link: http://www.mythos-magazin.de/erklaerendehermeneutik/ab-pt-wp_konzept.pdf

Niemann, Hans-Joachim (2008): Die Strategie der Vernunft. 2. Auflage. Tübingen: Mohr Siebeck.

Piaget, Jean (1930): The Child’s Conception of Causality. London: Kegan Paul.

Schmid, Michael (2004): Ideologie und Rationalität. Bemerkungen zu einem Erklärungsproblem der Weltanschauungsanalyse, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 8.

Schurz, Gerhard (2009): Theorie der Weltanschauung und Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. In: Mulligan/Westerhoff (Hrsg): Robert Musil – Ironie, Satire, falsche Gefühle. Paderborn: Mentis.

Sokal, Alan (1999): Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaft mißbrauchen. München: C.H. Beck.
Subbotsky, Eugene (2014): The Belief in Magic in the Age of Science. SAGE Open. January-March 2014, 1-17.

Subbotsky, Eugene (2011): The Ghost in the Machine: Why and How the Believe in Magic Survives in the Rational Mind. Human Development 2011, 54, 126-143.

Subbotsky, Eugene (2004): Magical thinking in judgments of causation: Can anomalous phenomena affect ontological causal beliefs in children and adults? British Journal of Developmental Psychology (2004), 22, 123-152.

Tepe, Peter (2012): Ideologie. Berlin: De Gruyter.

Tepe, Peter (2007): Kognitive Hermeneutik. Textinterpretation ist als Erfahrungswissenschaft möglich. Würzburg: Königshausen&Neumann.

Topitsch, Ernst (1988): Erkenntnis und Illusion. Grundstrukturen unserer Weltauffassung. Tübingen: Mohr Siebeck.
Topitsch, Ernst (1972): Vom Ursprung und Ende der Metaphysik. Erstauflage 1958. dtv: München.

Wuketits, Frank M. (1992): Biologie, glückliche Natur und Ideologie: Zur Analyse einer unglücklichen Beziehung, in: Salamun, Kurt (Hrsg.), Ideologien und Ideologiekritik. Ideologietheoretische Reflexionen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Fußnoten

1. Diese Angst vor der Zukunft lässt sich möglicherweise auch bis in den Bereich der Popkultur verfolgen: So mögen Science Fiction Dystopien mittlerweile populärer als Utopien sein, weil sie als plausibler erscheinen.

2. Ein anschauliches Beispiel sind zahlreiche Kommentare von AfD-Wählern nach den letzten Wahlen auf Social Media-Plattformen: Dort wurde von vielen AfD-Sympathisanten behauptet, alle Menschen, die sie kennen, würden die AfD wählen – und deshalb müssten die Wahlergebnisse für die AfD deutlich größer sein, als sie dann tatsächlich waren. Sie zogen daraus den Schluss, dass es bei der Wahl nicht mit rechten Dingen zugegangen sei und dass notwendigerweise Wahlbetrug von Seiten der »Systemparteien« vorliegen müsse.

3. Und es gilt Webers Diktum vom Paradox des Wissens: Je mehr wir gesamtgesellschaftlich wissen, desto weniger weiß – relational betrachtet – notwendigerweise der einzelne Akteur. Spezialistentum ist unabdingbar.

4. Eine epistemische Autorität ist ein Akteur situativ für einen anderen Akteur dann, wenn ersterer eine bestimmte Aussage oder Theorie sachgemäß qualifizieren kann, letzterer jedoch nicht. So ist meist etwa ein Lehrer in seinen Fachgebieten eine epistemische Autorität für seine Schüler. Aber ein Zeuge vor Gericht ist etwa auch eine epistemische Autorität für den Richter. Es ist leicht einzusehen, dass epistemische Autoritäten notwendig sind.

5. Oder mit einer evolutionstheoretischen Metaphorik ausgedrückt: Der Genpool einer Überzeugung reproduziert sich scheinbar durch seine beständige, bedürfniskonforme Variation. Er erfüllt diese Funktion allerdings nur, indem alle Variationen für das ursprüngliche, nicht-variierte Gen gehalten werden. Die Überprüfung, ob die Variation dem ursprünglichen Gen entspricht, ist aufgrund der Kompetenzasymmetrie nicht möglich. Und die bedürfniskonforme Entfernung der Variation von der Wirklichkeitsanbindung des ursprünglichen Gens erzwingt ihre Enttäuschung – und zwar sowohl der Variation, als auch des ursprünglichen Gens.

6. Dies entspricht dem zweiten Szenario vom Anfang, vgl. S. 4.

7. Man denke hier etwa an die entwicklungspsychologische Theorien aus dem zweiten Kapitel (S. 2 f.), die erklären, weshalb wir intentionale Erklärungen so plausibel finden – während etwa die Theorie Marxens gesellschaftliche Mängel auf abstrakte Funktionen statt auf das bewusste Agieren niederträchtiger Gruppen zurückführt.