Gesundheit und Evidenz

von Franziska

Die Skepsis gegenüber der Schulmedizin war noch nie so groß wie heute. Diese Skepsis wuchs allerdings nicht erst seit US-Präsident Donald Trump den Begriff „alternative Fakten“ etablierte, sondern schon viele Jahre und Jahrzehnte vorher. Anhand der Beispiele Homöopathie, Impfung sowie der Berufsgruppe der HeilpraktikerInnen lässt sich dies erkennen.

I: Homöopathie
Was ist eigentlich Homöopathie?

Homöopathie ist eine alternativmedizinische Behandlungsmethode, die auf den Vorstellungen des Arztes Samuel Hahnemann beruht. Er formulierte das Ähnlichkeitsprinzip „Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden“, d.h. eine Erkrankung durch Gift könne durch eben dieses Gift geheilt werden, wenn es sehr stark verdünnt wird. Die starke Verdünnung, auch „Potenzierung“ genannt, erziele den gewünschten Effekt, so Hahnemann, da nach jeder Verdünnung das Gemisch geschüttelt wird und dadurch eine „Dynamisierung des Wirkstoffes“ eintrete, also eine verborgene, geistesartige Kraft entstehe. Die Materie würde sich durch die starke Verdünnung gänzlich in ihr individuelles, geistesartiges Wesen auflösen.

Die Potenzierung homöopathischer Mittel beträgt in der Regel D6 bis D12 oder mehr. Das D steht für eine Verdünnung 1:10, d.h. D6 entspräche dem Verhältnis 1:1.000.000. Die Verdünnung bei D12 wäre vergleichbar mit einem Tropfen Wirkstoff im Bodensee. Rein chemisch und physikalisch betrachtet kann also gar kein Wirkstoff in einem homöopathischen Globuli-Kügelchen vorhanden sein. Es widerspricht also allen Erkenntnissen der Naturwissenschaft, dass solche Globuli überhaupt wirken können. Bisher konnte zudem keine einzige empirische Studie belegen, dass es eine Wirkung außerhalb des Placeboeffektes besteht.

Dieser Effekt bezieht sich auf alle positiven psychischen und körperlichen Reaktionen, die nicht auf die spezifische Wirksamkeit einer Behandlung zurückzuführen sind, sondern auf den psychosozialen Kontext der Behandlung. Beispiel: Ein Kind hat sich beim Spielen eine Schürfwunde zugezogen. Die Eltern verwenden ein Wasserspray mit der Aufschrift „Aua-Medizin“ und pusten danach auf die Wunde. Das löst beim Kind die Suggestion einer richtigen medizinischen Behandlung aus. Das Kind fühlt sich nicht allein gelassen und die Schmerzen gehen sogar subjektiv zurück, so dass es wieder spielen kann. Das Wasser enthielt natürlich keinen Wirkstoff, aber das Beispiel zeigt, was der Placeboeffekt alles bewirken kann.

Der Placeboeffekt – Argument der Aluhüte

Placebos haben durchaus einen Effekt. Das führt dazu, dass viele Menschen diesen als Beleg für eine Wirkung hinzuziehen, statt zu sehen, dass es eben nur der Placeboeffekt ist und nicht die Wirkung der Homöopathie selbst oder irgendeiner anderen alternativmedizinischen Behandlungsmethode. In der Gesellschaft hat sich der Spruch „Wer heilt, hat Recht“ etabliert. Das führt dazu, dass wissenschaftliche Diskussionen mit diesem Spruch gänzlich unterschlagen und abgeschmettert werden. Jede Behandlung sei legitim, wenn schlussendlich das Ergebnis zum Erfolg führt. Es passt zu seinem sehr einfachen Weltbild – wie Pippi Langstrumpf schon sagte: „ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Keine andere Haltung drückt der Spruch „wer heilt, hat Recht“ aus.

Es mag zwar sein, dass ein einzelner Mensch mit einer bestimmten Heilmethode geheilt wird. Es handelt sich aber de facto um einen Zufall, der bei vielen Erkrankungen auch nicht reproduzierbar ist. Die Medizin hingegen sollte den Anspruch haben, Methoden zu entwickeln, die einen gewissen Erfolg garantieren und das eben bei einer großen Stichprobe. Daher ist es so wichtig, dass in Bezug auf medizinische Fragen unabhängige Studien durchgeführt werden.

Hierfür ist der Doppel-Blind-Studien-Ansatz zu erwähnen, welcher der Goldstandard medizinischer Arzneimittelstudien ist. Dieser fordert, dass es zwei Studiengruppen geben muss. Studiengruppe 1 erhält das Arzneimittel A und Studiengruppe 2 erhält das Placebo bzw. ein anderes Arzneimittel B, das dagegen getestet werden soll. Weder PatientInnen aus den Studiengruppen noch die ÄrztInnen wissen, welches Mittel welche Studiengruppe erhalten hat. Dieses Studiendesign ermöglicht eine möglichst objektive Einschätzung von Arzneimittel A, beantwortet also die Frage, ob dieses gegenüber dem Placebo oder Arzneimittel B eine nachweisbare Wirkung erzielt.

Dass im Zusammenhang mit Homöopathie aber häufig auf subjektive Erlebnisse zurückgegriffen wird, macht es schwierig, einen sachlichen Diskurs zu führen. Häufig kommen in diesem Kontext auch „Argumente“ wie „bei meinem Kind oder bei meinem Hund helfen ja auch Globuli!“.

Hier wird verkannt, dass der Placeboeffekt sich auch auf Kinder und Tiere auswirkt, nämlich als Placebo-by-Proxy. Der Gemütszustand der Eltern überträgt sich auf das Kind. Die Verfassung der starken Bezugsperson spielt eben bei Kindern und Tieren eine wichtige Rolle. Beide müssen nicht wissen, ob sie ein Medikament erhalten oder nicht. Wenn allerdings die Eltern daran glauben, spiegeln sie eine gewisse Erwartungshaltung wider und diese werden von Kindern und Tieren aufgenommen. Dieser Effekt wurde mehrfach wissenschaftlich erwiesen.

Die Argumentation der Homöopathie-BefürworterInnen ist somit nichtig, es handelt sich nur um Scheinargumente ohne Evidenz.

Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie

Ein weiteres Argument ist ja so oft, dass Homöopathie-Mittelchen „natürlich“ seien und „ohne Chemie“ hergestellt würden, dass daher bei der Einnahme keine Nebenwirkungen zu erwarten seien. Aus der Arzneimittellehre ist aber bekannt, dass es ohne Nebenwirkungen auch keine Wirkungen gibt. Mittel, die gar keine Nebenwirkungen in der Packungsbeilage auflisten, können nicht wirken.

Das „Natürlichkeitsargument“ lässt sich allein schon deshalb relativieren, weil die meisten schulmedizinischen Arzneimittel dem Ursprung nach ebenfalls aus der „Natur“ kommen, die Vorstufe von Aspirin (Salicylsäure) kommt beispielsweise ursprünglich aus der Weidenrinde. Hinter diesem Argument steckt allerdings eine tiefe Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie.

Richtig ist natürlich, dass die Pharmaindustrie Arzneimittel nicht aus reinem Altruismus herstellt. Dahinter liegen natürlich knallharte kapitalistische Interessen. Allerdings geht die entgegengebrachte Skepsis so weit, dass Arzneimittel, die von der Pharmaindustrie hergestellt werden, als gefährliche „Chemie“ projektiv dämonisiert werden. Die Arzneimittel würden auch gar nicht hergestellt werden, um die Krankheitsursachen zu heilen, sondern es gebe nur eine symptomatische Behandlung, um eben weiterhin mit Menschen „Kasse“ machen zu können.

Doch dieses Geldargument zieht nicht mal ansatzweise, da von den Homöopathie-BefürworterInnen übersehen wird, dass die Gewinnmarge bei Homöopathie Produkten oft hundertfach höher ist. Kleiner Funfact am Rande: Homöopathieprodukte dürfen nur von pharmazeutischen Unternehmen hergestellt werden. Aber der Hass auf die „böse Pharmaindustrie ist ohnehin nur antimoderne Projektion.

Die Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie tritt nämlich oftmals auch in Kombination mit anderen Verschwörungstheorien auf, etwa der strukturell antisemitischen Idee, dass eine kleine Clique mächtiger Individuen die Welt aus dem Hintergrund beherrschen würde.

Mängel des Gesundheitssystems

Die Argumentation bzw. Kritik, dass die Schulmedizin die Menschen nicht ganzheitlich behandele und zu wenig Zeit für die PatientInnen habe, ist berechtigt. Das Gesundheitswesen ist durchökonomisiert, es gibt zu wenig Personal und dieses steht unter einem enormen Arbeitsdruck. HausärztInnen haben oft nicht mal 10 Minuten Zeit, um PatientInnen zu behandeln und können dadurch nicht alle relevanten Aspekte berücksichtigen. Diese Kritik sollte aber dazu führen, das Gesundheitssystem insgesamt menschenfreundlich und sozial zu reformieren bzw. neu zu gestalten. Sie sollte nicht dazu führen, dass eine wissenschaftsfeindliche Skepsis gegenüber der Schulmedizin entfacht wird, und die Menschen zur „Alternativmedizin“ übergehen.

Das Gesundheitswesen muss allerdings auch weg von einer Konsumhaltung. Viele PatientInnen erwarten beispielsweise, dass sie bei einer Erkältung ein rotes Rezept erhalten, ansonsten seien sie ja nicht richtig behandelt worden. Die evidenzbasierte Medizin schreibt in diesen Fällen keine Arzneimittel vor, da es sich oft um virale Infekte handelt, die nicht mit Antibiotika behandelt werden können. Die Erwartungshaltung ist aber oft eine andere. Das liegt an der ungleichen Kompetenzverteilung zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. Hier bedarf es einer verständlichen Aufklärung der Gesellschaft, um diese Konsumhaltung zu reduzieren.

II: Impfung
ImpfgegnerInnen – eine gefährliche Angelegenheit

Aufgrund der Skepsis gegenüber der Pharmaindustrie – Symptom eines generellen Antimodernismus – entwickelte sich die personell starke Szene der ImpfgegnerInnen. Sie sind der Meinung, dass Impfungen Kinder krank machen und dass diese Krankheiten „natürlich durchstehen“ müssten, um ihr Immunsystem aufzubauen. Woher kommt diese Argumentation? Der britische Arzt Andrew Wakefield schockte die Öffentlichkeit, als er eine Studie im „The Lanclet“ (eines der wichtigsten und renommiertesten Fachzeitschrift der Medizin) veröffentlichte. These war, dass die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) bei Kindern Autismus auslösen könne. Diese Studie wurde zahlreich widerlegt. Viele distanzierten sich von der Studie und Wakefield selbst verlor seine Zulassung.

Trotz dessen wird diese Studie immer wieder als Beleg genommen, dass Impfungen Autismus auslösen würden. Das spielt eben ImpfgegnerInnen in die Hände, da Menschen auf Autoritätsargumente hören – wenn Menschen sagen: „in einer Studie, die in einem renommierten Medizinfachmagazin herausgegeben wurde, wurde herausgefunden, dass Impfen Autismus auslöst“, dann wird ihnen das oft geglaubt. Denn es müsse ja stimmen, sonst wäre es nicht publiziert worden. Eine Recherche wird unterlassen. So lassen sich nachweisbare Falschinformationen streuen. Der Glaube an die schädliche Wirkung der Impfung ist bei vielen so tief verankert, dass sie sich der eigentlichen Einschätzung der Fachwelt (Wakefield hat unrecht) nicht anschließen, sondern stattdessen eine „Ärzteverschwörung“ wittern. Der Glaube an eine finstere Verschwörung der Pharmaindustrie spielt auch hier eine Rolle.

Besonders schlimm wird es, wenn Berufsgruppen als MultiplikatorInnen für so einen Glauben herhalten. Im Falle des Impfens finden sich viele solche MultiplikatorInnen unter den Hebammen. Das Verhältnis zwischen Hebammen und Familien ist oftmals sehr eng, so dass das Ausnutzen der eigenen Autorität leicht ist. Wenn es um den Schutz der eigenen Kinder gehen, wird den emotionalisierten Argumente der ImpfgegnerInnen eher geglaubt als den rationalen Argumenten der Wissenschaft.

Ein weiteres Problem ist dabei der irrationale Umgang mit Statistiken und der entsprechenden Folge. Ein überspitztes Beispiel:

Nichtimpfung: Wahrscheinlichkeit eines Schadens: 1:1.000.000, d.h. die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder, aufgrund einer Impfung Nebenwirkungen bzw. schwerwiegenden Erkrankungen ausgesetzt sind, ist deutlich geringer als bei einer reinen Infektion an Masern.

Wie würden impfkritische Eltern argumentieren? „Ich habe es zugelassen, dass das Kind geimpft wird, und jetzt ist der Schaden da. Hätte ich es bloß unterlassen!“ Das Beispiel zeigt, dass viele Menschen mit Wahrscheinlichkeiten nicht umgehen können, wenn sie sich auf ihre Intuitionen verlassen.

Zuletzt muss auf die Rolle der Herdenimmunität verwiesen werden. Der Effekt führt dazu, dass nicht-immune Individuen, z.B. wegen einer Erkrankung des Immunsystems, geschützt sind, weil die Erreger sich nicht ausbreiten können. Dafür ist allerdings eine sehr hohe Impfrate nötig. Wenn jetzt allerdings Eltern sich darauf verlassen, handeln sie zutiefst egoistisch gegenüber Anderen. Sie nutzen den Schutz der Schulmedizin aus, um selbst nicht handeln zu müssen. Wissenschaft und Gesundheitswesen müssen allein der Evidenz folgen – ansonsten werden Menschenleben riskiert.

III: HeilpraktikerInnen
Ursprung der HeilpraktikerInnen als Berufsstand

Einige Berufsgruppen agitieren als Multiplikator*innen besonders intensiv für die „Alternativmedizin“ und gegen die evidenzbasierte, also wissenschaftliche Medizin. Dazu gehören unter anderem auch HeilpraktikerInnen. Die wenigsten Menschen wissen, dass es sich bei den HeilpraktikerInnen um keinen staatlich anerkannten Ausbildungsberuf handelt. Aber woher kommt dieser Beruf und das Heilpraktikergesetz?

Das HeilprG (Heilpraktikergesetz) wurde am 17.02.1939 erlassen. Vor diesem Gesetz war die Heilkunde auch ohne ärztliche Approbation/Zulassung, z.B. als NaturheilerIn, möglich. Das Ziel der Gesetzeseinführung war eine Verschärfung der damaligen Gesetzeslage, die allerdings nicht das Ziel hatte, gegen WunderheilerInnen und Scharlatanerie vorzugehen. Stattdessen diente das Gesetz ursprünglich dem Ausschluss jüdischer ÄrztInnen. Die Heilkunde oblag nur somit noch ÄrztInnen mit Approbation und Menschen mit der Berufsbezeichnung „Heilpraktiker“. HeilpraktikerInnenschulen wurden im gleichen Atemzug verboten, was jede weitere „Ausbildung“ unmöglich machte. Fachfortbildungen gab es dadurch auch nicht mehr für HeilpraktikerInnen.

Der ursprüngliche Hintergrund dieses Gesetzes ist vielen heutzutage kaum bekannt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Berufsverbot von HeilpraktikerInnen aufgrund des Grundrechtes einer freien Berufswahl aufgehoben. Seit dieser Zeit wurde nichts mehr an diesem Gesetz novelliert, daher gibt es im Gesetzestext noch Stellen wie etwa „Der Reichsminister des Innern erläßt … die zur Durchführung … dieses Gesetzes erforderlichen Rechts- und Verwaltungsvorschriften.“

Voraussetzungen zur Heilpraktiker*in

Um als Heilpraktikerin praktizieren zu können, ist das Bestehen einer Kenntnisüberprüfung durch das zuständige Gesundheitsamt erforderlich. Weitere Voraussetzungen sind:

mindestens 25 Jahre alt sein,

mindestens den Hauptschulabschluss oder einen anderen gleichwertigen Schulabschluss besitzen,

eine körperliche und geistige Eignung zur Ausübung der Heilkunde durch ein ärztliches Attest nachweisen können und

eine für die Ausübung der Heilkunde erforderliche Zuverlässigkeit durch ein amtliches Führungszeugnis nachweisen können.

Mehr ist nicht erforderlich. Das Wissen kann sich jede Person nach eigenem Gutdünken selbst aneignen. Der Besuch von HeilpraktikerInnenschulen ist nicht erforderlich. Die notwendige Überprüfung ist keine wirkliche Leistungskontrolle, sondern dient nur der Abwehr direkter Gefahren für die Gesundheit der Bevölkerung und der einzelnen Menschen. Praktische Fähigkeiten werden somit nicht getestet, sondern nur Kenntnisse, z.B. Grundkenntnisse der Anatomie, der allgemeinen Krankheitslehre, der Erkennung und Erstversorgung, Techniken der Anamneseerhebung, etc. Wie sich die Person diese Kenntnisse aneignet, ist ihr selbst überlassen. Es werden keine vorigen Ausbildungen oder Praktika im Gesundheitswesen verlangt.

Nach der bestandenen Überprüfung gibt es keine weiteren Kontrollen. Es gibt nur anlassbezogene Kontrollen, wenn es Beschwerden gegen die jeweilige Person gibt. Zudem sind Heilpraktiker*innen an keine weiteren Leitlinien gebunden.

Was dürfen alles HeilpraktikerInnen (nicht)?

Der Beruf ist durch das HeilprG in nur wenigen Tätigkeiten beschränkt. Explizit ist das Verbot der Ausübung von Heilkunde im Umerziehen und der Zahlheilkunde. Andere Gesetze, wie z.B. Hebammengesetz, Infektionsschutzgesetz, Arzneimittelgesetz, schränken die Tätigkeiten ein. Die „Verbote“ sind somit über einige Gesetze verteilt. Was dürfen jedoch HeilpraktikerInnen? Sie dürfen Blut abnehmen, Injektionen setzen, Wirbelsäulenverrenkungen durchführen, mit Chemikalien umgehen und vieles mehr.

Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte dürfen hingegen allenfalls Blut abnehmen und dies auch nur, wenn die Tätigkeit ärztlich delegiert wird. Sie haben im Gegensatz zu HeilpraktikerInnen eine staatlich anerkannte staatliche Ausbildung, und doch dürfen sie ohne ärztliche Befugnisse jene Tätigkeiten, die für unausgebildete HeilpraktikerInnen jederzeit legal sind, nicht ausüben.

Warum sind HeilpraktikerInnen Multiplikator*innen?

Die vorigen Abschnitte dienen als Fundament dafür, um zu erklären, warum HeilpraktikerInnen oftmals gegen die Schulmedizin agitieren. Es gibt für diesen Berufszweig keine Überprüfung ihrer Praktik, keine Fortbildungspflicht und deutlich mehr Befugnisse als für andere Berufe im Gesundheitswesen – ausgenommen natürlich der ÄrztInnen. So gibt es natürlich einige HeilpraktikerInnen, die sich auf einer Stufe mit Ärzt*innen wähnen.

Durch eine starke Bürokratisierung in der Schulmedizin werden natürlich auch Fehler aufgedeckt und diskutiert. Das findet bei den HeilpraktikerInnen allerdings nicht statt. Da es auch sehr begrenzte Studien gibt, die sich mit dem Tun der HeilpraktikerInnen beschäftigten, ist der Berufsstand in der Öffentlichkeit kaum präsent.

In vielen Fällen gehen PatientInnen zu HeilpraktikerInnen, wenn die Schulmedizin bei ihnen nicht gewirkt hat. Sie sind oft enttäuscht und verbittert. Hier findet sich eine strukturelle Parallele zum Antimodernismus insgesamt, den wir im Text „Faschismus als moderner Antimodernismus“ charakterisieren: fühlen sich Menschen von der linken Politik enttäuscht, kehrten sie der Linken den Rücken zu und wandern in die Arme der FaschistInnen. So in etwa ist es auch bei HeilpraktikerInnen in Bezug zur Schulmedizin. HeilpraktikerInnen nehmen die von der wirklichen Medizin Enttäuschten auf und bieten „alternative Behandlungsmethoden“ an, um von dieser Enttäuschung zu profitieren. Wenn Sie schulmedizinische Methoden anwenden würden, dann hätten sie schließlich keine Kundschaft.

HeilpraktikerInnen werden glücklicherweise nicht durch die Krankenkassen finanziert. Dies hat jedoch zur Folge, dass ihre KundInnen die Probleme des Gesundheitssystems nicht zu spüren bekommen, wenn sie nur genügend Geld besitzen, um die Honorare zu zahlen. Hier wird denjenigen, die wohlhabend genug sind, vermittelt, dass ihnen endlich jemand zuhört. Das führt übrigens schon zum Placeboeffekt. PatientInnen werden allein dadurch bestärkt, und somit genießen HeilpraktikerInnen ein hohes Ansehen in der Bevölkerung.

HeilpraktikerInnen können – wie die Hebammen – nur deshalb mit ihrer Autorität spielen, weil große Teile der Bevölkerung unzureichend informiert sind („Das hat ja mein Heilpraktiker gesagt, dann muss es ja stimmen!“). Mangelndes Wissen und eine schlechte Vermittlung medizinischer Grundsätze bieten leider eine Basis, auf der Verschwörungstheorien und „alternative Behandlungsmethoden“ gedeihen.
Das Gefährliche daran ist, dass HeilpraktikerInnen schwerwiegende Erkrankungen falsch oder gar nicht behandeln und dadurch PatientInnen potenziell töten können. Zynischer Nebeneffekt: tote Menschen können nicht klagen.

IV: Fazit

Die Erfolge verwendeter Behandlungsmethoden müssen empirisch reproduzierbar sein – sonst hinge der Behandlungserfolg allein vom Zufall ab. Medizin muss leitlinienorientiert arbeiten und wissenschaftlichen Standards genügen.

Um Verschwörungstheorien und Esoterik einzudämmen, braucht es einen generellen ökonomischen und mentalen Wandel der Gesellschaft. Der Kapitalismus hat das Vertrauen der Menschen in Wissenschaft und Technik massiv geschädigt. Dieses Vertrauen muss zurückgewonnen werden. Studien müssen transparent konzipiert, durchgeführt und kommuniziert werden. Wir müssen konsequent und ehrlich gegen „alternative Fakten“ vorgehen. Doch die Medizin kann das Vertrauen der Menschen letztlich nur dann zurückgewinnen, wenn die Ökonomisierung des Gesundheitssektors politisch bekämpft wird. Die Schulmedizin braucht wieder mehr Zeit und Personal für ihre PatientInnen.