Klimawandel und Kapitalismus

von Ilja (ADH)

Einleitung

Dass die gegenwärtig stattfindende globale Erwärmung zum überwiegenden Teil auf menschengemachte Emissionen (v. a. CO2 und Methan) zurückzuführen ist, wird unter seriösen WissenschaftlerInnen kaum noch bezweifelt. Zwar gibt es immer noch einige „KlimaskeptikerInnen“ unter den ForscherInnen, diese sind jedoch in aller Regel finanziell abhängig von kapitalnahen und rechten Lobbyorganisationen und werden in der Fachwelt kaum noch ernst genommen.1

Das insgesamt als seriös einzuschätzende IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) geht davon aus, dass sich die globale Durchschnittstemperatur seit Beginn der Industrialisierung um ca. 0,85° Celsius erhöht hat.2 Setzt sich der Ausstoß von Emissionen wie bekannt fort, dann droht bis zum Ende des 21. Jhd. eine Temperaturerhöhung um bis zu 5°. Gelingt es, die Emissionen drastisch und schnell zu reduzieren, so wäre eine Begrenzung der Erderwärmung auf ca. 2° wahrscheinlich noch zu erreichen.3 Die globale Erwärmung könnte sich zudem aufgrund positiver Rückkopplungseffekte von selbst fortsetzen, wenn sie erst einmal die kritische Grenze von ca. 2° erreicht hat: Durch das Abtauen des arktischen Eisschildes wird weniger Sonnenenergie ins Weltall zurückgeworfen und das Abtauen von Permafrostböden und die Erwärmung des Meerwassers könnten die Freisetzung großer Mengen Methan bewirken. Beide Faktoren würden den Treibhauseffekt weiter verstärken.4

Es drohen u. a. ein Ansteigen des Meeresspiegels, in dessen Folge Inseln und Küstenregionen im Meer versinken werden, eine Ausbreitung der Wüsten, der Verlust von Ackerland, eine Zunahme von Wirbelstürmen sowie Dürren und Trockenperioden. Die genauen Folgen einer Erderwämung um 4-5° sind bis heute kaum absehbar.5

Klimapolitik im Kapitalismus

In der gegenwärtigen Gesellschaft sind die Auswirkungen der globalen Erwärmung zweifellos verheerend: Die Folgen – Naturkatastrophen, Ernteausfälle, Dürren und tropische Wirbelstürme – treffen v. a. die Menschen in den ärmsten Ländern, nicht nur aus geographischen Gründen, sondern v. a. deshalb, weil sie im Gegensatz zu den Industrienationen nicht über ausreichende Ressourcen verfügen, um sich gegen diese Ereignisse zu wappnen. Wie reagieren nun die Führung der kapitalistischen Staaten und die Menschen als individuelle Akteure darauf?

Verleugnung versus Restvernunft

Auf ideologischer Ebene sind prinzipiell zwei verschiedene Reaktionsmuster auf den Klimawandel erkennbar: Staatschefs aus dem konservativen bis offen rechten Milieu (Trump, George W. Bush etc.) bestreiten öffentlich – entgegen aller wissenschaftlicher Evidenz – die Existenz des menschengemachten Treibhauseffektes und versperren sich kategorisch gegen alle Maßnahmen zur Emissionsreduktion. Um diese Haltung legitimieren zu können, verweisen sie auf die Argumente der „klimaskeptischen“ Minderheit innerhalb der wissenschaftlichen Community. In der politischen Debatte wird mit Hilfe rechtspopulistischer und nationalistischer Phrasen gepunktet, die darauf hinauslaufen, dass die Maßnahmen zur Emissionssenkung ein Anschlag auf die einheimische Wirtschaft seien, die in dem jeweiligen Land Massenarbeitslosigkeit und Rezession zur Folge hätte, andere Länder dagegen begünstigen würde. Es spielt effektiv keine Rolle, ob PolitikerInnen, die so etwas behaupten, wirklich daran glauben oder aber die Existenz des Klimawandels insgeheim anerkennen und Gegenteiliges nur deshalb behaupten, weil dies politisch opportun ist. Die Folgen sind die gleichen.

Staatschefs, die noch über eine gewisse Restrationalität verfügen (meist aus dem liberalen Milieu, z. B. Obama, Clinton, Macron) erkennen prinzipiell die Notwendigkeit rapider Emissionssenkungen an und versuchen diese auch in internationalen Verträgen zu verankern – hier sei etwa auf das Kyoto-Protokoll und dessen Nachfolgeabkommen verwiesen. Diese Maßnahmen bleiben jedoch weitgehend folgenlos; entweder es gelingt nicht, die notwendigen Reformen gegen Kapitalfraktionen im eigenen Land durchzusetzen, oder die PolitikerInnen belassen es von vornherein bei einer reinen Symbolpolitik, da sie Wettbewerbsnachteile für die eigene Wirtschaft vermeiden wollen.6

Vor allem jene Staaten, die unter der globalen Erwärmung am meisten zu leiden haben (afrikanische und asiatische Nationen sowie Inselstaaten), fordern striktere Emissionsziele, haben jedoch keine Machtmittel, um diese gegen die reichen Länder durchzusetzen. Schwellenländer dagegen, die gerade dabei sind, eine (meist emmissionsreiche) Industrie zu entwickeln – beispielsweise China oder Indien – sperren sich meist gegen schärfere Regeln.

Wie effektiv sind die bisher getroffenen Maßnahmen? Seit der Verabschiedung des Kyoto-Protokolls 1997, wo erstmals verbindliche Ziele zur Emissionsreduktion festgeschrieben wurden, hat der jährliche Ausstoß von Treibhausgasen (berechnet in CO2-Äquivalenten) um beinahe 20 % zugenommen7. Obwohl den teilnehmenden Staaten durchaus unterstellt werden darf, dass sie die Verträge zur Emissionsreduktion nicht einfach zum Schein abgeschlossen haben, wurden fast sämtliche gesteckten Ziele verfehlt. Wie lässt sich dieses komplette Versagen der Staatengemeinschaft erklären?

Konkurrenz und Staatenlogik

Setzten wir ein materialistische Sichtweise voraus, so ist klar, dass das Versagen der Klimaschutzmaßnahmen nicht durch individuelles Fehlverhalten der kapitalistischen Eliten zu erklären ist, sondern nach sytematischen Gründen für die Erfolglosigkeit internationaler Abkommen gesucht werden muss. Gegenwärtig herrscht eine historisch gewachsene, emissionsreiche Industrieproduktion in so gut wie allen Sektoren der Wirtschaft vor. Die gesamte industrielle Infrastruktur ist bis heute auf Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen eingestellt. Auf der Ebene der EinzelkapitalistInnen bedeutet dies, dass diese eine emmissionsärmere Produktion ihrer eigenen Produkte nur durch teuere und unrentable Investitionen erreichen könnten. Die Produktionskosten der umweltbewussten KapitalistIn A würden steigen, was notwendigerweise eine Erhöhung der Verkaufspreise zur Folge hätte. Gegenüber der KonkurrentIn B, die auf teure Umrüstungsmaßnahmen verzichtet hat, hätte sie damit einen Nachteil. Es ist also klar, dass die Einzelkapitale von sich aus keine Maßnahmen zur klimafreundlichen Umrüstung ihrer Produktion treffen wollen und können.

Nun könnte der Staat die Kapitale im Prinzip durch Gesetze dazu zwingen, oder aber Anreizsysteme schaffen, die die Weiterführung der alten, klimaschädlichen Produktion auf Dauer unrentabel machen. Ansätze dazu wurden auch durchaus getestet, als Beispiel sei hier der EU-weite Emissionshandel genannt, der eine CO2-arme Produktion rentabel machen sollte, aber durch teilweise mutwillige Sabotage der teilhabenden Staaten scheiterte.8

Warum aber versagen offensichtlich auch staatliche Maßnahmen zur Emissionssenkung? Der Erfolg aller Nationalstaaten hängt entscheidend davon ab, eine am Weltmarkt konkurrenzfähige Industrie zu besitzen. Alle Maßnahmen, die die Industrie systematisch dazu zwingen würden, ihre Emissionen drastisch zu reduzieren, würden sich zwar auf die Unternehmen des eigenen Nationalstaates gleichermaßen auswirken, sodass Konkurrenznachteile großer Kapitalfraktionen innerhalb der eigenen Nationalökonomie nicht zu fürchten wären, aber im Vergleich mit der Industrie anderer Nationalstaaten unweigerlich zu höheren Produktionskosten und sinkenden Profitraten und somit zu Wettbewerbsnachteilen führen. Die Folge ist eine Art „Race to the bottom“ der Klimastandards: Ähnlich dem Versuch, Investoren und Unternehmen mit niedrigen Steuersätzen zu locken, kann die Attraktivität eines „Wirtschaftsstandorts“ auch durch niedrige Standards bei den Emissionen, beziehungsweise durch laxe Handhabung der bestehenden Gesetze, erhöht werden. Sehr anschaulich kam dieser Mechanismus in umgekehrter Form zum Vorschein, als (noch während Obamas Amtszeit) sich die USA und China zeitgleich weigerten, schärfere Emissionsziele für die eigene Wirtschaft vorzulegen, wenn sich das jeweils andere Land nicht zu Emissionsreduktion verpflichten würde. Der Konflikt endete (mit einem von Trump wieder gekündigten) Abkommen zwischen China und den USA, das zwar guten Willen und neue Emissionsziele enthielt, die aber wiederum völlig unzureichend waren, um den Klimawandel substantiell zu verlangsamen.9

Ökokapitalismus

Unter Liberalen, die die Notwendigkeit einer raschen Emissionsreduktion anerkennen, wurde immer wieder über die Möglichkeit eines „Green-New-Deal“ diskutiert, also eines globalen klimafreundlichen Wirtschaftsbooms auf der Grundlage regenerativer Energien. Marxistische TheoretikerInnen aus dem Umkreis der Wertkritik bezweifeln die Möglichkeit eines solchen Unterfangens: Laut ihnen würde ein solcher Umbau der Weltwirtschaft gigantische finanzielle Aufwendungen für infrastrukturelle Maßnahmen erfordern, die aufgrund der sich zuspitzenden Systemkrise des Kapitalismus mit staatlicher Überschuldung und mangelnden zukünftigen Profitaussichten kaum zu leisten wäre, obwohl die technischen Möglichkeiten für ein solches Unterfangen vorhanden wären.10 Zudem stellen die auf die Verwertung fossiler Energien spezialisierten, oft monopolartig agierenden Konzerne eine sehr starke Kapitalfraktion dar, deren Macht so groß ist, dass sie eine gewisse Unabhängigkeit von der Staatenlogik garantiert; einer vorzeitigen Schließung von Ölraffinerien oder Kohlekraftwerken, solange diese noch profiltabel arbeiten, werden sie nicht ohne Weiteres zustimmen. Zugleich sind die kapitalistischen Einzelstaaten, solange ein ökologischer Umbau noch nicht stattgefunden hat, aber auf die Zusammenarbeit mit genau diesen Kapitalfraktionen zwingend angewiesen, sofern sie den Energiesektor nicht verstaatlichen und die kostspielige Umrüstung selbst in die Hand nehmen wollen.

Nun wird natürlich die Endlichkeit der fossilen Energieträger und die schon vor der völligen Erschöpfung der Ressourcen eintretende Verteuerung und Ineffizienz der Abbaumethoden eine Umstellung auf regenerative Energien allein aus Gründen der kapitalistischen Konkurrenz und Staatenlogik langfristig notwendig machen. Empirisch sind die Signale dazu eher widersprüchlich: Während vor allem die USA unter Donald Trump sich von ersten Ansätzen der Förderung alternativer Energien wieder verabschieden und nun verstärkt auf besonders umweltschädliche Abbaumethoden wie Fracking und Ölgewinnung aus Schiefersand und aus der Tiefsee setzen, investiert China verstärkt in den Ausbau von Solarkraftwerken.11

Sollte dieser „ökologische Umbau“ der Energiegewinnung jemals aus Gründen kapitalistischer Binnenrationalität stattfinden, dann ist jedoch klar, dass dies viel zu lange dauern würde, um die Erderwärmung noch auf ein akzeptables Maß zu begrenzen. Bis die Energiegewinnung so weit umgestellt wäre, dass dies eine drastische Emissionssenkung zur Folge hätte, wäre der „Point-of-No-Return“ des Klimawandels längst überschritten.

Technologische Lösungen

Eine „technologische“ Bekämpfung des Treibhauseffektes durch gezielte Umwelteingriffe wird ebenfalls immer wieder diskutiert.12 Die sogenannte „Meeresdüngung“, bei der das Wachstum von CO2-verbrauchenden Algen durch gezielte Überdüngung der Weltmeere angeregt werden soll, das Hochschießen gigantischer, das Sonnenlicht reflektierender Spiegel in die Erdumlaufbahn sowie die Verstärkung der Reflexion des Sonnlichts durch das Einbringen von chemischen Substanzen in die Atmosphäre werden jedoch von WissenschaftlerInnen bis jetzt noch aufgrund unkalkulierbarer Risiken als gefährlich angesehen. Andere, eher ungefährliche Maßnahmen wie beispielsweise das Bestreuen dunkler Erdböden mit hellem, reflektierendem Material, das aus Flugzeugen versprüht werden könnte, wären aufgrund der benötigten Ressourcen so teuer, sodass sich im gegenwärtigen politökonomischen System kein Staat dazu veranlasst sähe, derartige Massnahmen zum Nachteil der eigenen Staatskasse und ohne zu erwartenden Gewinn zu finanzieren.

Ökologischer Lifestyle?

Vor allem im grünen und linksliberalen Milieu versuchen gegenwärtig viele Menschen, durch Modifikation ihres Lebensstils ihren individuellen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Natürlich ist ein solches Verhalten grundsätzlich zu begrüßen, seine Effektivität kann allerdings bezweifelt werden. Unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen erfordert ein „ökologisch korrekter“ Lebensstil den Konsum von ineffizient produzierten, also teueren Produkten. Der überwiegende Teil der Menschheit ist allerdings zum Überleben auf den Kauf möglichst billiger Produkte angewiesen, die nicht unter Berücksichtigung von Klima und Umwelt hergestellt werden. Der grüne Lifestlye ist damit eher das Distinktionsmerkmal einer wohlhabenden, urbanen Schicht als eine wirksame Maßnahme gegen den Klimawandel. Die Vorstellung, dass bald ein großer Teil der Menschheit freiwillig „bei sich selbst anfängt“, ist nicht besonders realistisch.

Auch empirisch betrachtet hat die erhöhte Akzeptanz der „Öko-Bewegung“ in der Bevölkerung und das vermehrte Praktizieren eines „ökologisch-korrekten“ Lebensstils (vegane Ernährung, Verzicht auf Autos etc.) eines eher kleinen Teils der Bevölkerung nicht zur Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen geführt. Es sollte also klar sein, dass Maßnahmen, die auf das individuelle Konsumverhalten abzielen, zwar zu befürwortren sind, aber niemals den Kampf um systematische Maßnahmen ersetzen können.

Klimapolitik im Sozialismus

Wie wir gesehen haben, ist insgesamt davon auszugehen, dass ein effektiver Klimaschutz innerhalb des Kapitalismus nicht möglich ist. Unter sozialistischen Bedingungen dagegen wären erstmals die gesellschaftlichen Bedingungen dafür gegeben, den Treibhauseffekt durch Emissionsreduktion effektiv aufzuhalten – die technischen Vorraussetzungen dafür existieren bereits. Da die Weltwirtschaft nicht mehr von dem Prinzip der Staatenkonkurrenz und dem Prinzip der Konkurrenz einzelner Kapitale um den Anteil am gesellschaftlichen Mehrwert geprägt wäre, sondern der Planung einer global und basisdemokratisch gewählten Weltregierung unterworfen wäre, ließen sich die notwendigen Maßnahmen schnell und nachhaltig durchsetzen.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die zügige Umrüstung der Produkitonsmittel auf regenerative Energien Ressourcen in Anspruch nehmen würde, die sonst in die Erhöhung der Gesamtproduktionsmenge (und damit des Lebensniveaus) oder die Verkürzung der Arbetszeiten investiert werden könnten. Da diese Umrüstung Zeit in Anspruch nimmt, ist zudem zu vermuten, dass eine vorübergehende absolute Verminderung der Güterproduktion notwendig sein wird, um die erforderlichen Emissionsziele zu erreichen. Zugleich wäre im Sozialismus erstmals überhaupt die Möglichkeit gegeben, die Gesamtproduktion von Gütern einer rationalen Steuerung zu unterwerfen, während im Kapitalismus die blinde Dynamik von Rationalisierung und Konkurrenz die Einzelkapitale beständig dazu zwingt, ihren eigenen Ausstoß an Waren zu erhöhen.

Eine zeitweise Einschränkung des Konsums müsste beim Luxuskonsum ansetzen, der zur Lebensqualität der Menschen weniger beiträgt als die Befriedigung der Grundbedürfnisse und das zu erwartende Ende von Unterdrückung und Ausbeutung. Konkret würde das beispielsweise bedeuten, dass, falls nötig, der Besitz von großen Villen und privaten Swimmingpools eingeschränkt werden muss, geräumige Wohnungen und öffentliche Schwimmbäder jedoch allen zur Verfügung gestellt werden. Eine langfristige Senkung der Lebensqualität aufgrund solcher Maßnahmen ist glücklicherweise nicht zu befürchten, da Industrie und Infrastruktur aufgrund der begrenzt vorhandenen fossilen Energieträger auf Dauer ohnehin umgerüstet werden müssen.

Doch egal, wie sehr wir den Ausstoß von neuen Treibhausgasen verringern können, es wurde bereits viel Schaden angerichtet. Eine globale Erwärmung mit teilweise massiven Folgen lässt sich heute nicht mehr verhindern. Doch jene unabwendbaren Folgen des Klimawandels können in einer kommunistischen Gesellschaft, welche die Ökonomie und die Verteilung der globalen Ressourcen rational plant, statt sie den chaotischen Kräften des Marktes und der Konkurrenz zu überlassen, anders adressiert werden. Effektivere Katastrophenschutzmaßnahmen bis hin zur rechtzeitigen Evakuierungen der Bevölkerung etwa bei Wirbelstürmen oder Überschwemmungen können ein massenhaftes Sterben derjenigen Menschen verhindern, die jetzt (im Kapitalismus) zu den Ärmsten gehören. Zugleich ließen sich unter sozialistischen Bedingungen akute Hungersnöte durch Ernteausfälle und Dürren verhindern, weil die Verteilung der Nahrungsmittel dann nicht mehr den Gesetzen des Marktes und dem Gebot der Profitmaximierung gehorcht, sondern mit dem Ziel der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse global geplant wird.

Gleichfalls wäre es jedoch naiv, davon auszugehen, dass die Folgen des Treibhauseffektes allein durch die Abschaffung des Kapitalismus hinreichend adressiert sind. Zumindest ein großer Teil der Konsequenzen des Klimawandels erschweren die Lebensbedingungen der Menschheit unabhängig von der existierenden Wirtschaftsform: Vor allem der Verlust von Ackerland aufgrund der Verwüstung von Böden und der damit drohende Einbruch der Nahrungsmittelproduktion wird auf Dauer auch für eine rational planende Gesellschaft gefährlich.13 Der Verlust von Wohnraum durch den Untergang dicht besiedelter Inselgruppen und die deshalb notwendige Massenumsiedlung der Bevölkerung wären sowohl kostspielig, als auch – zumindest kurzfristig gesehen – der Lebensqualität abträglich. Eine besonders schwere und unkalkulierbare Gefahr stellt schließlich das Wiederauftauchen von Bakterien aus auftauenden Permafrostböden dar: Durch diesen Prozess drohen sowohl eine weitere Verschärfung des Treibhauseffekts durch methanproduzierende Bakterien als auch neue und unkalkulierbare Epidemien durch Erreger, die unter Umständen seit Jahrtausenden im Permafrostboden überwintern.14

Es ist völlig klar, dass die aufgezählten Risiken auch für die am rationalsten organisierte und technisch am besten ausgerüstete Gesellschaft immens wären. Die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse und die bis heute kaum gegebene Kalkulierbarkeit sowohl des Ausmaßes als auch der Folgen des Treibhauseffektes stellen ein eigenständiges Problem dar, das einen planvollen Umgang mit den Folgen erschwert, wenn auch nicht unmöglich macht.

Positionierung

1) Innerhalb des Kapitalismus eine Klimapolitik zu betreiben, die nur an bestehende Staaten und Institutionen appelliert, ist als ineffektiv anzusehen. Auch vernünftig denkende Einzelpersonen innerhalb politischer Parteien und Unternehmen sind aus strukturellen Gründen nicht dazu in der Lage, einschneidende Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen.

2) Wegen der Ineffektivität der Maßnahmen im bestehenden System und der zu erwartenden katastrophalen Folgen eines ungebremsten Klimawandels im Kapitalismus sollte politisch das Hauptaugenmerk auf die schnelle sozioökonomische Transformation, also die Beseitigung des Kapitalismus, gelegt werden.

3) Wegen der großen und schlecht kalkulierbaren Gefahren des Treibhauseffektes für eine kommunistische Gesellschaft sind während und nach der Transformation zügig drastische Maßnahmen zur Emissionssenkung durchzusetzen. Nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft sollte eine Begrenzung der Erderwärmung auf 2° angestrebt werden. Auch wenn pessimistischere Prognosen zugrunde gelegt werden, die die Erreichbarkeit dieses Zieles anzweifeln, ist es klar, dass eine revolutionäre Durchsetzung des Sozialismus die Alternative darstellt, wenn wir die Folgen des Klimawandels human verwalten und eine völlig ungebremste Erderwärmung verhindern wollen.15

4) Die Vorteile dieser Maßnahmen müssen gegenüber der Einschränkung der Lebensqualität abgewogen werden. Ein weitgehender Verzicht auf Luxuskonsumgüter wäre akzeptabel, ein neues Auftreten von Elend, also die unzureichende Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse, jedoch nicht.

5) Technische Lösungen des Klimawandels sind nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand als Mittel zweiter Wahl anzusehen. Sollte jedoch der Übergang in den Sozialismus so spät stattfinden, dass der „Point-of-No-Return“ des Treibhauseffektes schon überschritten wurde oder die Schärfe der Maßnahmen eine inakzeptable Einschränkung der Lebensqualität nach sich ziehen würde, sollten solche Maßnahmen in Erwägung gezogen werden. Es ist zudem nicht unwahrscheinlich, dass technische Lösungen mit verbesserten Computermodellen und höherer Produktivität kostengünstiger und besser steuerbar werden.

6) Primitivistische Ideologien, die eine Bekämpfung des Klimawandels aufgrund von Vorstellungen fordern, welche die ohne menschlichen Einfluss vorgefundene Natur glorifizieren und mystifizieren, lehnen wir ab. Wir sehen gezielte menschliche Eingriffe in die Natur und deren gezielte Beherrschung zum Wohle der Menschheit grundsätzlich als etwas Positives an. Der Treibhauseffekt ist im Gegenteil gerade aufgrund seiner negativen Folgen für den Menschen, seiner Unkontrollierbarkeit und der ungerichteten Naturwüchsigkeit seines Prozesses ein Problem.

Fußnoten

1. Als Beispiel kann hier die wichtigste Organisation, die sog. „Global Climate Coalition“, angeführt werden, die z. T. selbst Aussagen ihrer eigenen WissenschaftlerInnen verfälschte, um die gewagte Hypothese an die Öffentlichkeit bringen zu können: http://www.nytimes.com/2009/04/24/science/earth/24deny.html

2. IPCC 2013: „The physical science basis“ S. 5.

3. Ebd. S. 20.

4. Spektrum der Wissenschaft Dossier 04/2009 „Die fiebernde Erde“

5. Ebd.

6. Als Beispiel wäre hier die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu nennen, die sich auf Drängen führender Automobilkonzerne 2013 gegen strengere CO2-Reduktionsziele sperrte, die von der EU auf den Weg gebracht worden waren. http://www.zeit.de/2015/06/co2-emissionen-umweltschutz-automobilindustrie-lobbyismus

7. Climate change synthesis Report Summary for Policymakers 2014, S. 5
https://www.ipcc.ch/pdf/assessment-report/ar5/syr/AR5_SYR_FINAL_SPM.pdf

8. Dem Grundgedanken nach sollten an alle großen Unternehmen „Emissionszertifikate“ vergeben werden, deren Gesamtmenge den gewünschten Emissions-Zielwert widerspiegelt, sodass Unternehmen, die mehr CO2 und andere Emissionen produzieren als zulässig, Zertifikate von Unternehmen kaufen müssen, die den Zielwert unterschritten. Es wurden aber von vornherein viel zu viele Emissionszertifikate auf den Markt geworfen, sodass für die meisten Unternehmen der Kauf großer Mengen von Zertifikaten billiger war als die klimafreundliche Umrüstung ihrer Produktionsmittel. Der folgende Artikel gibt einen guten Überblick:
http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-02/eu-umweltminister-emissionshandel-barbara-hendricks-co2-ausstoss

9. http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-11/klimaschutz-usa-china

10. Für ein genaueres Verständnis dieses Problems ist ein Grundwissen über die Zusammenbruchstheorie der marxistischen Wertkritik nötig. Deren Zusammenhang mit der Unmöglichkeit eines „Green New Deals“ erläutert z. B. Tomasz Konicz in diesem Artikel: „Die ökologischen Grenzen des Kapitalismus“ (Streifzuege 52/2011) https://www.hintergrund.de/wirtschaft/weltwirtschaft/die-oekologischen-grenzen-des-kapitals/

11. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/china-investiert-343-milliarden-euro-bis-2020-in-oekostrom-und-atomkraft-a-1128741.html

12. Zur Diskussion um „technologische Lösungen“ siehe widerum Spektrum der Wissenschaft, Dossier 04/2009, „Die fiebernde Erde“.

13. Bei der Problematik um den sogenannten „Peak Soil“ spielen nicht nur der Klimawandel, sondern auch nicht-nachhaltige Landwirtschaftstechniken eine Rolle. Einen guten Überblick verschafft z. B. der folgende Artikel von Pascale Müller, Jungle World Nr.51, Dez. 2012: http://jungle-world.com/artikel/2012/51/46811.html

14. Als Beispiel sei eine Milzbrandepidemie im Sommer 2016 angeführt, die wohl direkt auf die Erwärmung der Permafrostböden zurückgeführt werden kann:
https://www.welt.de/wissenschaft/article157472700/Sonne-weckt-toedliche-Bakterien-im-Permafrost.html
Die Gefahr eines beschleunigten Treibhauseffektes durch methanproduzierende Bakterien wird in folgendem Artikel übersichtlich dargestellt:
https://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article4247314/Auftauende-Bakterien-sind-wahre-Klimakiller.html

15. Siehe dazu die Analyse von Tomasz Konicz in der Jungle World 08/2017:
https://jungle.world/artikel/2017/35/ein-klima-fuer-revolution