Wofür steht der 1. Mai?

von Jochen Becker

„Irgend etwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln. Alle diese Arbeiten sollte eine Maschine ausführen.“ – Oscar Wilde, Die Seele des Menschen im Sozialismus

Wofür steht der 1. Mai? Wofür stand er? Wofür könnte er in Zukunft stehen?

Historisch reklamierte die ArbeiterInnenbewegung den 1. Mai seit 1890 als internationalen Kampftag der Arbeiterklasse. Als solcher stand er für eine Kooperation der Unterdrückten über Länder- und Fraktionsgrenzen hinweg. So wurde mit den weltweiten Kundgebungen zuerst den Toten der sogenannten Haymarket Affäre gedacht – größtenteils anarchistische EinwandererInnen und ArbeiterInnen in Chicago – die im Mai 1886 von der Polizei ermordet wurden. Doch schnell wurde der Tag zum Symbol sämtlicher Teile der ArbeiterInnenbewegung rund um die Welt. Mit der doppelten Einsicht in die Art der industriellen Entwicklung, durch die sich mit immer weniger menschlicher Arbeit immer mehr schöne und nützliche Dinge herstellen ließen, und die Steigerung der Verhandlungsmacht der Arbeiter durch sinkende Arbeitslosigkeit, beinhaltete die Forderungen zum 1. Mai auch immer Arbeitszeitverkürzungen. Schon 1886 forderten die Chicagoer Arbeiterinnen vor allem den Achtstundentag.

Nicht zuletzt stand so der 1. Mai am Frühjahrsbeginn auch für den Aufbruch in eine neue, bessere Zeit. Wofür der Blumenschmuck stand, in den sich die Umzüge der Arbeiterinnen oft schmückten, lässt sich vielleicht Heinrich Heine entnehmen: „Es wächst hienieden Brot genug/ für alle Menschenkinder/ auch Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust/ Und Zuckererbsen nicht minder/ Ja Zuckererbsen für jedermann/ Sobald die Schoten platzen!/ Den Himmel überlassen wir/ Den Engeln und den Spatzen.“ (Heine 1844)

Doch es kam anders. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 zerfetzte nicht nur die Entwicklung des Kapitalismus, sondern leider auch die Macht und Hoffnung der ArbeiterInnenbewegung, die diesen doch überwinden wollte. Als die Arbeitslosigkeit in Deutschland 1933 auf 33% gestiegen war (Focus 2008), konnten die Nazis an die Macht kommen. Nachdem diese am Vortag gewaltsam die Gewerkschaften aufgelöst und ihre Häuser besetzt hatten, erklärten die Nazis den 1. Mai als billiges Trostpflaster zum gesetzlichen Feiertag, zum „Tag der nationalen Arbeit“. Damit stand dieser Tag nicht mehr für Solidarität und den Kampf um eine bessere Zukunft (also auch weniger Arbeit für Alle), sondern für ein symbolisches Schulterklopfen für die eigene Aufopferung im Namen der nationalen Sache. Die Arbeit wurde zum Selbstzweck im Dienste völkischer Hirngespinste.

Noch heute gilt der 1. Mai als „Tag der Arbeit“. Zwar wurde das „der nationalen“ gestrichen, und es werden auch wieder ein paar fortschrittliche Forderungen erhoben. (Dieses Jahr etwa vom DGB (2018): Die Abschaffung von Niedriglöhnen und Minijobs, Gleiche Löhne zwischen den Geschlechtern, usw.) Doch diese Forderungen sind wesentlich zahmer, als sie sein könnten und sollten. Der „Tag der Arbeit“ stellt eher eine symbolische Kompensation für den Dienst am Kapitalismus dar, als einen Kampftag zu dessen Überwindung. Zum Vergleich: Dass am Muttertag einmal im Jahr die Mütter gelobt werden, macht auch nicht gut, dass diese an den restlichen 364 Tagen des Jahres immer noch sehr viel häufiger als die Väter aufräumen, putzen, kochen und Windeln wechseln müssen.

Doch wofür wird der 1. Mai in Zukunft stehen? Große Mengen menschlicher Arbeitskraft werden überflüssig. Laut der Universität Oxford werden in den nächsten Jahrzehnten rund 50% aller Arbeitsplätze in den Industrieländern und bis zu 90% in den Entwicklungsländern von Maschinen besetzt werden (Oxford Martin/Citi GPS 2016). Durch die gerade in Entwicklung befindlichen selbstfahrenden Autos werden schon sehr bald die meisten FernfahrerInnen, Lieferkuriere und BusfahrerInnen ihren Job verlieren. Doch auch sozial besser gestellte Berufe sind nicht sicher. Die Sichtung und Bearbeitung von Akten etwa kann schon bald billiger und effektiver von Computern als von SekretärInnen oder AnwältInnen geleistet werden. Kürzlich gelang es auch erstmals, eine seltene Art von Leukämie, die menschliche ÄrztInnen nicht identifizieren konnten, von einer künstlichen Intelligenz diagnostizieren zu lassen. Bald schon könnte eine Untersuchung auf Hautkrebs nebenher maschinell beim Duschen erfolgen (Vgl. Diamandis 1017). Was sind die Folgen?

Eigentlich könnten dies traumhafte Aussichten sein: weniger Arbeit und mehr Luxus für alle! Doch im Kapitalismus ist das Ergebnis keine gleichmäßige Verteilung der Arbeit. Stattdessen steigt einerseits die Arbeitslosigkeit, und andererseits der Stress derjenigen, die noch Arbeit haben. Die Folge: Das Mehr an produzierten Waren kann aufgrund stagnierender Löhne nicht gekauft werden, also nicht von den Menschen genossen werden. Der mangelnde Absatz schlägt sich in der Wirtschaftskrise nieder. Unsicherheit und Frustration führen momentan dazu, dass sich – wie in den 1920ern – rechtspopulistische, identitäre und faschistische Ideologien immer weiter verbreiten. Wir sollten nicht abwarten, was passiert, wenn in dieser Situation die Arbeitslosenzahlen über jene von 1933 hinauswachsen.

Es wäre vernünftig, die besten Potenziale der technologischen Entwicklung für ein besseres Leben nutzbar zu machen. Doch für diese Potenziale ist die heutige Produktionsweise längst zur Fessel geworden. Nicht nur schafft sich der Kapitalismus seine eigene Krise, indem er Arbeit und Einkünfte unnötig konzentriert und verknappt, er wird auch durch ein weiteres Phänomen geplagt, das der Kapitalist Peter Diamandis (2017) „Demonatization“ nennt: Immer mehr Güter verlieren zusehends an Geldwert. Jene Technik, die heute in Form eines Smartphones mehr oder weniger günstig erworben werden kann, steckte früher in einer ganzen Reihe von technischen Geräten (Kameras, Telefonen, PCs, etc.), die alle einzeln gekauft werden mussten. Mit digitalen Produkten wie Filmen, Musikdateien und Computerprogrammen gibt es sogar Güter deren (Re-)Produktionskosten praktisch bei Null liegen. Diese unbegrenzte technische Reproduzierbarkeit führt im Kapitalismus aber nicht dazu, dass solche Produkte allen Menschen, die sich dafür interessieren, zugänglich sind. Vielmehr werden diese Güter auf Druck von Firmen, die verzweifelt versuchen, mit ihren veraltenden Geschäftsmodellen noch Profit zu machen, von den Staaten mit Hilfe des Rechts künstlich begrenzt: Copyright. Ganze Anwaltskanzleien haben sich darauf spezialisiert, ihr Geld durch das Abmahnen und Verklagen von ganz normalen Menschen zu machen, die zwischendurch mal umsonst einen Film streamen.

Diese Zustände können überwunden werden. Wir müssen wieder für geringere Arbeitszeiten auf die Straße gehen, und eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich einfordern. Eine solche Arbeitszeitverkürzung bedeutet mehr Freizeit, mehr kaufkräftige Nachfrage und eine Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, von der wir alle profitieren. Das wäre ein erster Schritt.

Um es in den Worten des kürzlich verstorbenen Stephen Hawking zusammenzufassen: „Jeder Mensch kann ein Leben in luxuriöser Muße genießen, wenn der Maschinen-produzierte Reichtum geteilt wird, doch die meisten Menschen könnten auch elendig arm enden, falls die MaschinenbesitzerInnen erfolgreich gegen Umverteilung agitieren. Bisher scheint der Trend zur zweiten Möglichkeit zu gehen, in der die Technologie immer weiter wachsende Ungleichheit antreibt.“ (Hawking 2016)

Sorgen wir stattdessen dafür, dass der „Tag der Arbeit“ in Zukunft ein Gedenktag an die schlechtere Vergangenheit werden kann, in der das Glück der Menschen noch davon abhing, ob sie sich ausbeuten ließen.

– DGB (2018): Aufruf des deutschen Gewerkschaftsbundes zum Tag der Arbeit 2018 (www.dgb.de/erstermai2018/++co++1e3c30d8-2e75-11e8-9c5d-52540088cada)
– P. Diamandis (2017): Demonetizing Erverything. A Post Capitalism World, Vortrag in: Singularity University Summits (https://www.youtube.com/watch?v=3cXPWyP0BBs)
– Focus (2008): Die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen in der Weimarer Republik (https://www.focus.de/fotos/die-entwicklung-der-arbeitslosenzahlen-in-der-weimarer-republik_id_603996.html)
– S. Hawking (2016): Science AMA Series: Stephen Hawking AMA Answers!
(https://www.reddit.com/r/science/comments/3nyn5i/science_ama_series_stephen_hawking_ama_answers/cvsdmkv/)
– H. Heine (1844): Deutschland. Ein Wintermärchen (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-383/2)
– Oxford Martin School/ Citi GPS (2016): Technology at work v2.0. The Future is not what it used to be, Oxford
(http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/reports/Citi_GPS_Technology_Work_2.pdf)
– O. Wilde (1891): Die Seele des Menschen im Sozialismus, in: Fortnightly Review
(https://www.marxists.org/deutsch/archiv/wilde/1891/02/seele.htm)